Wann wird der Mensch ein Mensch? - Alfons Hack - TA2012-1

fowid.de

Wann wird der Mensch ein Mensch? - Alfons Hack - TA2012-1

Textarchiv TA-2012-1

nicht alle diejenigen Gene ausgewählt hat, die sie für die Zygote beisteuern wird. [3.3] [3.4]

Wenn Samenzelle und „Eizelle“ zur Zygote verschmelzen, enthält diese Zygote noch nicht den

individuellen Genbestand, es gibt also zu diesem Zeitpunkt noch keine genetische Identität.

Und es scheint Konsens zu sein: Ohne genetische Identität auch keine menschliche Personalität.

Vielen Theologen ist diese Problematik bewusst. Sie mogeln sich daher am päpstlichen Auftrag

vorbei, die Beseelung so früh wie möglich anzusetzen (also bei der Zellverschmelzung) und

verschieben die „Lebensentstehung“ um einige Stunden auf die Verschmelzung von mütterlichem

und väterlichem Zellkern, den so genannten Vorkernen.

Nun - das wird oft und vielleicht auch gern übersehen – findet eine derartige Verschmelzung der

Vorkerne in der menschlichen Zygote überhaupt nicht statt. [3.5] (Im biologischen Fachjargon

hört sich das so an: Der männliche Pronucleus (=Vorkern) „bewegt sich ebenso wie der weibliche

Pronucleus langsam auf das Zentrum der Eizelle zu. … das Chromatinmaterial kondensiert

zu Chromosomen, die Pronucleusmembranen lösen sich auf, und die Chromosomen der beiden

Pronuclei ordnen sich in der Äquatorialplatte der Teilungsspindel.“ Ohne Verschmelzung

der Pronuclei beginnt bereits die erste mitotische Zellteilung. [3.4])

Also stellt sich die Frage an die Theologie: Unterbleibt etwa, da es keine Vorkernverschmelzung

gibt, die Beseelung? Oder wann nach der Befruchtung soll sie stattfinden?

3. Ändert sich die menschliche Würde, wenn sich der Genbestand ändert?

Im Verlauf des menschlichen Lebens ändert sich der Genbestand ständig und auf vielfältige

Weise: Gene können mutieren, sie können umgelagert werden und dadurch können sie neue

Funktionen erwerben; schon allein aus der Embryogenese ist fast das ganze Register bekannt,

das den Genbestand verändern kann: Aneuploidien, Inversionen, Duplikationen, Insertionen

und Copy-Number-Variationen (CNV).

Vor allem ist zu bedenken: Eine riesige Gruppe lebenswichtiger Gene des Immunsystems

(nämlich die, die für die Bildung der Antikörper zuständig ist) fehlt in der Zygote und ist dort

auch in keiner Weise vorbestimmt. Erst wesentlich später werden sie aus vergleichsweise wenigen

Bausteinen zusammengesetzt. Bei diesem Prozess spielen Zufall und zufallsabhängige

Mutationen eine essentielle Rolle. Nur sie schaffen und gewährleisten die Mannigfaltigkeit und

die riesige Anzahl dieser Immun-Gene.

Alle diese genetischen Prozesse zusammengenommen sind so umfassend, dass – anders als

vielfach angenommen – selbst erwachsene eineiige Zwillinge genetisch nicht mehr identisch

sind. [3.6] [3.7] So blieb die schon vor einem halben Jahrhundert publizierte Entdeckung ziemlich

unbeachtet, welch markante Unterschiede zwischen eineiigen Zwillingen auftreten können;

dies kann sogar so weit gehen, dass eineiige Zwillinge sich hinsichtlich ihres Geschlechts unterscheiden.

[3.8]

Zwischen den Genen der Zygote und denen des späteren, erwachsenen Menschen besteht

also keineswegs volle Identität. Der Genbestand ändert sich ständig im Verlauf der Lebenszeit

9

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine