Title Zarathustras Muhen mit Seinem Ubermenschen ... - HERMES-IR

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Title Zarathustras Muhen mit Seinem Ubermenschen ... - HERMES-IR

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keinerlei A»usserung oder Andeutung Nietzsches, auch nicht in seinen zahlreichen Briefen und

umfangreichen Notizen, dass er den ‘Zarathustra’ ganz oder teilweise uneigentlich meinte.

Seine spätere ‘Ecce Homo’-Autobiografie, freilich schon vom Grössenwahn entstellt,

versichert gerade das Gegenteil. Dass er die neue Prophetie in der Form einer alten,

grossenteils sehr traditionellen und trivial konventionellen, Erhabenheitsdichtung vortrug, lag

auf der Linie von Nietzsches Charakter und Gewohnheit. 11

III.

Nietzsche empfand, wie gesagt, seine Prophetenrolle als die Selbstopferung seines

Menschentums, d.i. seines bisherigen (obgleich schon aussergewöhnlichen) Lebens mit

Freunden und Familie, seiner sozialen Identitäten, letztlich seiner psychosozialen

Menschennormalität. Auch an den “höheren Menschen” darf ihm am Ende nichts mehr liegen:

“Mitleiden! Das Mitleiden mit dem h ö heren Menschen!

schrie er auf, und sein Antlitz verwandelte sich in Erz. Wohlan! D a s - hatte seine Zeit!

Mein Leid und mein Mitleiden - was liegt daran! Trachte ich denn nach G l ü c ke?

Ich trachte nach meinem Werke!” 12

Und damit erhebt sich Zarathustra und eilt auf seinen

grossen Mittag zu.

“Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und U»bermensch - ein Seil über einem

Abgrunde.

Ein gefährliches Hinüber, ein gefährliches Auf-dem-Wege, ein gefährliches

Zurückblicken, ein gefährliches Schaudern und Stehenbleiben.

Was gross ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke und kein Zweck ist: was geliebt

werden kann am Menschen, das ist, dass er ein U»bergang und ein Untergang ist.” 13

Zarathustra will seinen “grossen Mittag” erleben, “da der Mensch auf der Mitte seiner

Bahn steht zwischen Thier und U»bermensch”. 14

Der Tag der Mitte ist der Lebensaugenblick

des Propheten, der im Schema des Weltgeschichtsdramas dem Kairos der christlichen

Metanoia entspricht. Er wendet sich endgültig vom Menschen ab und schaut das nahe Ziel. Er

steht auf der Schwelle der Selbsterlösung vom Menschen zum U»bermenschen. Sein ist dann ein

Werk, das nicht mehr ignoriert, verkannt oder bestritten werden kann, also das hellste Werk,

wie der Mittag das hellste Licht des Tages spendet. Das hellste Werk ist nicht mehr eine blosse

Lehre in der Rede- oder Schriftform, sondern die unwiderlegbare und unwiderstehliche

Einheit der Lehre und der Tat, indem der U»bermensch praktisch-wirklich und somit

überzeugend geschaut wird. Der Prophet, auf dieser Schwelle der höchste Mensch, viel höher

als die “höheren Menschen”, deren Bekehrung sich Zarathustra im vierten Teil, teils

vergeblich, gewidmet hat, vollendet seine Selbstopferung, indem er nach dem Mittag in

11 “Im Grunde kommt wenig darauf an, wovon ich mich loszumachen hatte: meine Lieblings-Form der

Losmachung aber war die künstlerische […] zugleich ein Tribut der Dankbarkeit” (KSA 10, S.501). Die Rebellion

gegen die religiös-künstlerischen Väter bezähmt sich aber nicht nur zur Dankbarkeit - dies scheint eher eine

psychische Rationalisierung zu sein; vielmehr setzt sich der Rebell mit seiner Künstlerreligion im ihr

entsprechenden Stil an die Stelle der Väter.

12 KSA 4, S.408.

13 KSA 4, S.16.

14 KSA 4, S.102.

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