Soll und Haben - KOPS

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Soll und Haben - KOPS

DIE LEGITIMITÄT DER TRANSGRESSION

Zur Rationalität hegemonialer Gewalt

in Gustav Freytags Roman "Soll und Haben"

von Michael Neu man n, Dresden/Konstanz

Die scheinbar starre Grenze ist der Ausdruck

ei ner Bewegung.

Friedrich Ratze): Politische Geographie, 1897.

Abstract

Ausgehend von den Forschungen, die Gustav Freytags Roman "Soll und Haben" als Gründungsdokumcllt.

t;copolitischer Semantiken interpretieren, wird im vorliegenden Beitrag

nach den hlstoflSchen Bedingungen gefragt, die für die zeitgenössische Plausibilität dieser

Semantiken einstehen. In der Attraktivität der Raumsemantik Amerikas, die im Gegensatz

zur europäischen Geschichtsvcrfallenheit dem Zukunftsversprechen des unstrukturierten

~aum.es aufruht, sind die entsprechenden Kontexte ebenso zu finden wie in der historischen

S~tuallon des Nachmiirz. Die Kombination beider Momente überführt Gustav Frcytag in

einen Gründungsmythos der postrevolutionären Gemeinschaft, in dem die gewaltsame

~r.e~zvcrletzung kolonialisierender Raumnahmen zur Voraussetzung gelingender GrenzstabIlIsIerungen

in gesellschaftlicher Hinsicht wird. Jenseits der Grenze wird als ZivilisationsexpOrt

ausa!;iert. was dit'sseits die nationale Gemeinschaft einen soll. Als Entlastungsbegriff

für die Gewaltimplikationen dieses Modells dient Freytag der Begriff der ,Arbeit'.

?n t~c b ;l.~is uf du: research which interprets Gustav Freytag's novel "Soll und Haben"

(DcllIt and nedit') as a f(lundin~ document 01 gcopolitical semantics, this artic1e analyses

the historical conditions which ~ave contemporary plausibility 01 these semanties. The appropria

te "'lltt'XlS .1rt' [() he found in the attractiveness of spatial semantics in America,

which in contr,lst tn European fascination with history is based on the future promise of

unstru.tured spa.e, .tnd also in the historical situation of the Nachmärz period, These

elements .Ire wmhincd by Gustav Freytag ioto a founding myth of the ~ost :re voluti.o~~ry

com01unity, in which the lorcible border violation of colonising terntonal acqulSltlon

becomcs .1 conditioll for succcssful border stabilisation in social terms. Actions which are

intendcd to scrvc the


philosophischer Vorstellungen verknüpft 2 , um Räumen die Signatur ihrer historischen

Potenz einzuschreiben. J Löher verbindet mithin Augenzeugenschaft und Geschichtsphilosophie,

zwei Konzepte, die die Epistemologie des 19. Jahrhunderts prägen. 4 Auf

diese Weise qualifiziert er die Differenzerfahrung "bei der Rückkehr aus Amerika" als

Möglichkeit der Lesbarmachung des europäischen Raums. Die Bewegung über die

Grenze legitimiert die Autorität seiner Perspektive, in der sich Raumerfahrung und historische

Spekulation vereinen; sie wird zum Ausweis eines Wissens, das die Grenzerfahrung

als Voraussetzung historischer Souveränität erscheinen lässt. Im konkreten Fall

liegt das Ergebnis der Raumlektüre darin, Europas historische Signatur als Abwesenheit

alles dessen postulieren zu können, was Amerika verspricht. 5 Verfallsgeschichte

und Fortschrittsgeschichte werden zu Raumsignaturen; ihre Wahrnehmung resultiert

aus einer Grenzüberwindung, die zum Vergleich befähigt. Wilhe1m Heinrich Riehl, der

die "Methode des Wanderstudiums" auf die Erkenntnis räumlicher "Signatur[en]"6, die

"der Knoten [sind], an welchen sich das ganze Gewebe unserer forschenden und darstellenden

Arbeit knüpft", verpflichtet1, wird diese Einsicht wenige Jahre später in seiner

Münchner Antrittsvorlesung "Volkskunde als Wissenschaft" als epistemologische

Voraussetzung fixieren:

Nur wer in der Fremde gewesen ist, vermag die Heimath objectiv zu erfassen und zu schildern;

die Volkskunde ist ihrer Natur nach vergleichend, aus der vergleichenden Beobachtung

entwickelt sie ihre Gesetze, und der ächte Volksforscher reist, nicht bl os um das zu schildern,

was draußen ist, sondern vielmehr um die rechte Sehweite für die Zustände seiner Heimath

zu gewinnen.8

~ Zu.m fremden. B~i~k in der Tradition der "Perserbriefe" vgl. Erhard Schüttpelz: Die Moderne

Im Spiegel. des Pnmtt!ven. Weltliteratur und Ethnologie (1870-1960), München 2005, S. 105-216:

3 Zu.~ epistemologischen Rückkehr dieses Verfahrens im spatia[ turn, die nicht von ungefähr mit

der Ruckkehr des Globalisierungsbewusstseins nach dem .Kalten Krieg' korrespondiert, vgl. ste!lve~retend:

Jürgen .Os.terhammel: Die Wiederkehr des Raumes: Geopolitik, Geohistorie und hlstonsehe

Gcog.raphle, 10: Neue politische Literatur 43 (1998), S. 374-397. .

•. Vgl. Lorrame Da~t?n, Peter Galison: Objectivity, New York 2007; Johannes Heinßen: Hlstor~smus

und Kulturkritik. Studien zur deutschen Geschichtskultur im späten 19. Jahrhundert, Gottmgen

2003.

5 Löher g~eift damit Argumente auf, die er bereits in seinem Buch "Geschichte und Zustand der

Deutschen 10 Amerika" (Cincinnati. Leipzig 1847, hierzu bes. S. 489-492) entwickelt hat. .

6. In d~r Moderne wird diese Figuration des Wissens nicht zuletzt durch den Flaneur popul arḷ -

slert .. DIe maßgebliche Vor~eschichte in Volkskunde und Ethnographie des 19. Jahrhunderts ,gerat

dabei ~llzu o~t aus de~ Bhck. Vgl. Kirsten Wagner: Im Dickicht der Schritte. ,Wanderung und

,Kart~ als epIstemologische Begriffe der Aneignung und Repräsentation von Räumen, in: TopographIen

der. Literatur. Deutsche Literatur im transnationalen Kontext, hg. v. Hartmut Böhme,

Stuttgart,Welmar 2005, S. 177-206.

7 Wilhe1m ~Ieinrich Riehl: Wanderbuch, als zweiter Theil zu "Land und Leute", Stuttgart.1869,

S.4, 18. Z.u Rlehl vgl. Jasper von Altenbockum: Wilhe1m Heinrich RiehI1823-1897. Sozialwl.s~enschaft

t

z.~lsc~en Kulturge~chichte e und Ethnographie, Köln 1994; zu .Land und Leute" vgl.. I'ne?­

:

m

Lo~en.lch: ~erstaathchte Sittlichkeit. Die konservative Konstruktion der Lebenswelt ~n ~l -

e muHemnch.Riehls .~at~rgeschichte des Volkes", Opladen 1992; Jerzy Kal~zny: "Ca.v1ar . r~

VZfoGlkN°Fder Wllhclm Hetnnch Riehl als Popularisator der Volkskunde und KulturgeschIchte, In.

15 (2005), S. 48-60.

8

die

Wilhelm

d'

Heinrich Riehl'

.

D'

le

V Ik k d I ' . . D Culturstu-

0 s un e a s WIssenschaft. Etn Vortrag, m: ers.,

n aus rel Jahrhunderten, Stuttgart 1862, S. 205-229, hier: S.218.

266


Riehls Vergleichs folie ist in diesem Kontext ebenfaUs Amerika: ~ Wäre Amerika nicht

entdeckt worden, wir wüßten heute gewiß noch nicht halb so gut, wie es mitten in

Deutschland aussieht. "9 Angesichts der Auswanderungswellen birgt eine solche Beobachtung

durchaus politische Implikationen; sie kann aber auch im Rahmen zeitgenössischer

geschichtsphilosophischer Überlegungen verortet werden. Die bei Löher ebenso

wie bei Riehl zugrundeliegende Konstellation ist die einer teleologisch aufgeladenen

universalhistorischen Perspektive, die sich im Ausgang des 18. Jahrhunderts allmählich

formiert. Im Gefolge dieser Sichtweise, die häufig mit organologischen Modellen operien

lo , erscheint der europäische Raum als Zeichen seines eigenen Verfalls, während

sich in Amerika die Umkehrung dieser Signatur zeigt; hier ist die Geschichte ein Versprechen

der Zukunft. ~Amerika", so Hegel in den" Vorlesungen über die Philosophie

der Geschichte", "ist somit das Land der Zukunft [ ... ]. [ ... ] es ist ein Land der Sehnsucht

für aUe die, welche die historische Rüstkammer des alten Europa langweilt." I I Es

ist dieses Differenzmodell, das die Grenzen als historisches Hindernis imperialer Ansprüche

oder universaler Fortschrittsgeschichten hervortreten lässt; in ihnen verkörpert

sich der restriktive Rahmen politischer Beschränkungen und historischer Überlagerungen

ebenso wie die Enge des verwalteten Raums.

Die Konfrontation von dichotomisch organisierten Raumvorstellungen und Zeitorientierungen

mobilisiert die ,Grenze' als politische Metapher; an ihr treffen Verlaufsbilder

und Ordnungs muster aufeinander, die nur um den Preis ihrer Aufhebung miteinander

in Einklang zu bringen sind. Als Metapher der Ungleichzeitigkeit zieht die Grenze die

Energien des Fortschrittswillens auf sich und fungiert in den entsprechenden Rhetoriken

als universal gültiges Gegenbild von ,Weltverkehr' und ,Globalisierung'.J2 Ihren

Anfang nimmt diese Semantik zumindest in der Perspektive deutschsprachiger Autoren

in der Erfahrung ,Amerikas'.13 Aus "der vergleichenden Beobachtung" schöpfen sie die

Hoffnung, dass die Zukunft mit prägenden Differenzerfahrungen "bei der Rückkehr

nach Europa" insofern geizen wird, als in "Nordamerika die Vorläuferin Europa~" sowohl

in politischer als auch in ökonomischer Hinsicht gesehen werden muss,. wie der

Geograph und Publizist Friedrich Ratzel in seinem Buch "Städte und Culturbllder aus

Nordamerika" emphatisch festhält. '4 ,Weltverkehr' und ,Grenze' werden im 1.9. Jahrhundert

in jenem Verhältnis asymmetrischer Gegenbegriffe mitei~a.nder korrehert, da~

Reinhart Koselleck vor allem durch den Ausschluss "wechselseitIger Anerkennung

9 Ebd. . k .

10 Zu deren Ursprüngen siehe Ethel Matala de Mazza: De~ verfaßte. Körper. Zum Prole t emer

organischen Gemeinschaft in der politischen R0.mantik,. FreJburg/Br~lsgau 1999' IM ' 1986

11 G. W. F. HegeI: Vorlesungen über die Philosophie der GeschIchte, Fran kf urt am

(Werke; 12), 5.114.

. .. ., h rh d

11 So gilt auch im Blick auf die Metapher der ,Gren.ze', was de Ma~ pnnz!pleJl hm~lc. t IC . . ~~

Rhetorik festhielt: . Rhetorik ist an sich keine histo~lsche, so.ndem eIße epistemologischel 01:;;_

plin." S. Paul de Man: Epistemologie der Metapher, m: TheOrIe der Metapher, hg. v. Anse m

verkamp, Darmstadt 1996, S. 414-437, hier: S. 4~6. f h . d G" d ngsvokabular der

IJ Z· . kl d' T 'k d Ihrer Au na me m as run u

. ur weiteren Entwlc ung leser ?Pl ~n 'k . der Kulturkritik der Generation

SoZiologie vgl. Georg Kamphausen: Die Erfmdung Amen as In

von 1890, Weilerswist 2002, hier: S. 27- 46, 'I . , 1876 S 5

14 Friedrich Ratze!: Städte und Culrurbilder aus Nordamerika, Erster Thel , LeipZig , "

267


charakterisiert sieht. 15 - Vor diesem Hintergrund schildert Franz Löher in seinem Artikel

zunächst, wie er nach seiner Ankunft im Hafen das Schiff verließ und sich "unter

die Haufen von Schiffsvolk, Handelsherren, Trödlern und Zuschauern [begab], welche

rings um das Hafenbecken wogten".16 Sein "erste[r] Eindruck" der Menge war "ein erschütternder"

:

Gewiß dachte ich nicht anders, als auf dem europäischen Boden mehr Ruhe und mehr Elend

zu finden, als ich dort hinter dem Ocean zurückgelassen hatte: aber einen so starken und so

traurigen Abstich des europäischen Volkes vom amerikanischen hatte ich mir doch nicht vorgestelltY

Dem Ankömmling zeigt sich eine "Menge von ärmlich Gekleideten, von Gebrechlichen,

von zarten Frauen, welchen die Noth das Gesicht gebleicht hatte":

Wie ging das alles so sorgenvoll, so nachdenklich und doch so freundlich und artig durch einander,

als wüßte Jeder die Noth des Andern und suchte sie ihm durch stille Höflichkeit zu

erleichtern! Wie ganz anders war das in Amerika! Dort was für ein sorgloses, ungestümes,

reißendes Treiben, wievieJ Selbstgefühl und Rücksichtslosigkeit auf jedem Gesichte, welche

Fülle von Lebensmitteln überall; man sah es den Leuten an, sie hatten keine Sorge für Essen,

Kleidung, Wohnung und Gesundheit. In Amerika war fast nichts zu sehen als frische Burschen

oder doch Männer, welche aussahen wie jung, hier in Europa dagegen hervorstechend

in dem Volke, auf den Straßen und Plätzen die Menge von Frauen und alten Leuten! Dieser

erste Eindruck, den Europa auf mich machte, kam mir in dieser Mächtigkeit so unerwartet,

daß ich selbst zu zweifeln anfing, ob die Gründe dazu nicht viel mehr in mir selbst als in der

Wirklichkeit der neuen Umgebung lägen.18

Dem europäischen Muster geordneter Bewegung setzt Löher ein amerikanisches "ungestümes,

reißendes Treiben" entgegen; die "Höflichkeit" wird mit der "Rücksichtslosigkeit"

konfrontiert, und schließlich werden die Massenbilder mit Geschlechterkategorien

kurzgeschlossen: Amerika ist männlich, Europa weiblich. Die Deutlichkeit dieser

Konstellation scheint dem Autor verdächtig, schreibt sie seiner Beobachtung doch eine

überkommene Topik ein l9 , deren Ursprung er eher im eigenen Vorurteil "als in der

Wirklichkeit der neuen Umgebung" vermutet. Indes begegnet er dem naheliegenden Verdacht

durch einen ausdrücklichen Verweis auf seine eigene ethnographische Kompetenz:

Aber ich war jetzt unter so vielen Völkern gewesen, und da ich dabei nichts anderes ZU thu.n

hatte, als zu beobachten, so hatte sich mein Blick für die Auffassung ihrer Eigenthümlichkelten

geschärft; dazu blieb mir auch das Ansehen des Volkes während der ersten Woche in Europa

fortwährend etwas Ungewohntes: ich darf daher wol annehmen, daß ich mich nicht

ganz getäuscht habe. 20

15 ~einhart KoselJeck: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt!

Mam 1979, S. 213.

16 Löher [Anm. 1], S. 123.

17 Ebd.

IS Ebd.

19 Zur Geschic~te .dieser T~pik vgl. Michael Gamper; Masse lesen, Masse schreiben. ~ine.Dis ­

k~rs- und ImagmatlOnsgeschlchte der Menschenmenge 1765- 1930, München 2007; SOWIe: Jurgen

Lmk: .Tendenz ~enormalisierung oder Tendenz Normalität. Zur Massensymbolik im 19. Jahrhunde~t,

10; Kollektive Gespenster. Die Masse, der Zeitgeist und andere unfassbare Körper, hg. v.

Mlch .~el Gamper und Peter Schnyder, Freiburg/Breisgau 2006, S. 157-170.

20 Loher [Anm. I], S. 123.

268


D~s Wis~en des Textes wird in der Kombination von Erfahrung und Objektivität begrundet;

1m Zusammenspiel beider generiert sich eine Technik des Betrachters21 die die

methodisch notwendige Trennung von "Eigenthümlichkeiten" und Vorurteil~n ausstellt,

um das verschriftlichte Wissen jenseits seiner literarischen Verfasstheit anschlussfähig

zu halten. Der Ort dieser poetologischen Selbstvergewisserung ist in der Chronologie

des Aufsatzes bedeutsam, denn sie ist einer pointierten Schlussfolgerung

vorgeschaltet, die an dem Anspruch auf "die rechte Sehweite" partizipieren soll:

Ich kann die Art dieses Eindrucks, den das europäische Volk zuerst auf den von Amerika

Zurückkehrenden macht, nicht besser bezeichnen, als wenn ich damit das unwillkürliche Erschrecken

vergleiche, das einen Freund der modernen Völkerbewegung hätte überkommen

müssen, wenn er aus der öffentlichen Unruhe und Werdclust des Jahres 1848 plötzlich in die

eigenthümliche Stille fünf Jahre später versetzt worden wäre.22

Im Spiegel Amerikas wird die verhinderte Geschichte Europas kenntlich; aus der überwundenen

Raumgrenze resultiert das Begehren, die historische Zeitgrenze zu überschreiten.

Die ,vergleichende Beobachtung' gibt den Ort der Gegenwart im Horizont

eines Geschichtsdenkens preis, das historische Zustände im globalen Raum verteilt. Im

Jahrhundert Hegels markiert die ,Signatur' der Räume vor allem deren Relativität in

Bezug auf das Telos der Geschichte. 23 Die Zentren globaler und imperialer Dynamik

stehen demselben selbstredend näher; sie sind der Maßstab für die Perspektive von

Räumen und Ordnungen, deren Rückständigkeit aus der Differenzerfahrung abgeleitet

wird. 24 Die Notwendigkeit zur Überwindung der Rückständigkeit motiviert nicht zuletzt

politische Ansprüche: "Unruhe und Werdelust" sind ein unerfülltes Versprechen.

dessen Einlösung sich als Eintritt in die Geschichte der universalen Moderne vollziehen

soll: "Uebrigens mu'ss ueberhaupt in Amerika mit den Gegenständen auch die Betrachtung

des Reisenden und Künstlers eine neue Richtung nehmen", schreibt Ratzel im ersten

Band seiner Studie "Die Vereinigten Staaten von Amerika":

Wer hier Wanderungen unternimmt und nicht will, dass eine stete neue Folge lieblicher aber

einförmiger Naturbilder das müde Aug' wie eine Last beschwere, muss in der Zukunft Nahrung

für seine Phantasie suchen. So macht es der Amerikaner. 25

RatzeIs Umwendung temporaler Orientierungen im Feld der Ä~th~tik kommentiert al~

Fußnote die von ihm zustimmend zitierte Feststellung James Femmore Coopers, dass

Europa vornehmlich

ilZur Dichotomt·enbildung im Rahmen von Ethnologie und Anthropologie des 19. Jahrhuh?dcdrts

.

Immer noch einschlägig: Fritz Kramer: Verkehrte Welten.

Z

ur

.

tmagmaren

... Ethno"rap

"

le es

19. Jahrhunderts, Frankfurt/Main 1977.

22 Vh [

23 0 er Anm. 1), S. 124. . I b r . Zur Aktualität von Schillers

Vgl. Johannes Rohbeck: Universalgeschichte und Go a tSle~ng. München 2006

Geschichtsphilosophie, in: Schiller und die Geschichte, hg. v. MIchael Hofmann, ,

s. 79-92. . J h h d

24 Vg) . J.. urgen 0 ster h amme: ) D· le V e rwandlung der Welt. Eine GeschIchte des 19. a r un erts,

;i Aufl., München 2009, S. 168-181. . D· V . . [en Staaten von Amerika,

Friedrich Ratze): Amerikanische Landschaft, 10: Ders . ~ le Me~e,~gn 1878 5 429-432, hier:

Erster Band: Physikalische Geographie und Naturchara ler, une e ,.

s. 432, Anm.

269


Wirkungen [hervorbringe], die von Zeit und Arbeit abhängen [und] in dem Hauch von Reife

[erscheinen], der über aUe seine Scenerien gebreitet ist; aber für Amerika wahren wir die Frische

einer vielversprechenden Jugend und einer Art gesunder natürlicher Hciterkeit. 26

Der grenzenlose Raum evoziert das Projekt seiner zukünftigen ästhetischen Gestaltung,

in der Jugend' und ,Arbeit' für ,Wirkungen' jenseits bekannter Grenzen einstehen. An

diesem Punkt setzt Gustav Freytags Roman "Soll und Haben" anP Er entwickelt eine

,Geopolitik der Literatur', deren weitreichende ,Fernwirkungen' von Niels Werber rekonstruiert

worden sind. 28 Im Folgenden sollen deshalb weniger die historischen ,Effekte'

von Raumsemantiken diskutiert werden (die über Kar! Haushofers ,Lebens raum'

bis hin zu Richard Walter Darres ,Blut und Boden' und Hitlers Ostplänen reichen)29,

als vielmehr die historischen Bedingungen, unter denen die poetologischen Koordinaten

Gustav Freytags Plausibilität gewinnen konnten. Ein erster Punkt ist in der zeitgenössischen

Semantik ,Amerikas' bereits dargelegt worden, ein zweiter liegt offensichtlich

darin, dass Freytag die von Löher konstatierte "eigenthümliche Stille"

Deutschlands als ,Signatur' einer geordneten Idylle inszeniert, deren Gefährdung erst

"jenseits der Grenze" ihren Anfang nimmt:

Der Verkehr stockte, die Werte der Güter und Waren fielen, [ ... ], große Summen, welche in

kaufmännischen Unternehmungen angelegt waren, kamen in Gefahr. [ ... ]. Das Land war wie

ein gelähmter Körper, langsam rollte das Geld, dies Blut des Geschäftslebens, von einem Teile

des großen Leibes zu dem andern; [ ... ]. Die Zukunft erschien plötzlich verhängnisvoll,

schwarz, verderblich, wie der Himmel vor einem schweren Gewitter.

Das Schreckensworr, "Revolution in Polen" brachte so große Wirkungen auch in Deutschland

hervor. Es war eine der krampfhaften Zuckungen, welche die Slawenländer in dem letzten

Jahrhundert so oft gehabt haben. Das Landvolk jenseits der GrenZ/!, aufgeregt durch alte

Erinnerungen und seine Gutsherren, hatte sich erhoben [ ... ] hielt Reisende und Warensendungen

an, fiel plündernd und brennend über Edelhöfe und kleine Städte und versuchte sich

unter Häuptlingen militärisch zu organisieren [ ... ). Die Insurgenten nahmen eine große polnische

Stadt unweit der GrenZ/!, setzten sich dort fest und verkündeten ein Polenreich. (321)

Freyt~g verlegt die Ursachen politischer "Spannung[en]" und wirtschaftlicher Probleme

Im Gefolge der ,Globalisierung' konsequent hinter die "Grenze" (ebd.). Im unst.rukturierten

Raum der "Slawenländer" wird verortet, was wenige Jahre zuvor noch

die deutsche Gegenwart beherrschte. "Unruhe und Werdelust" der Generation von

1848, der Freytag ebenso wie sein Protagonist Anton Wohlfahrt angehört, wandelt der

Text im Rückgriff auf das amerikanische Versprechen in eine Bewegung gegen die äu-

26 Ebd.

27 Gustav Freytag: Soll und Haben. Roman in sechs Büchern München Wien 1977. Im Folgenden

werden Zitate nach dieser Ausgabe im laufenden Text i; runden Klammern nachgewiesen.

Hervorhebungen durchgehend von M. N.

28 Nicls Werber: Ge~P?litiken der Literatur. Raumnahmen und Mobilisierung in Gustav Fre~tags

.S~l~ und H~ben ,10: Topographien der Literatur [Anm. 6], S. 456-478. Vgl. auch ders.: Die

Geopohtlk der Literatur. Eine Vermessung der medialen Weltraumordnung, München,Wien 2007,

S. 137-190.

29. Unter diesem. B~griff hat Werber seine Überlegungen perspektiviert: Effekte. Das Wissen der

LI~eratur ~m Beispiel von Gustav Freytags "Soll und Haben", in: Literatur, Wissenschaft und

~lssen seit der Epoch~nschwelle um 1800. Theorie _ Epistemologie _ komparatistische Fallstudien,

hg. v. Thomas Klmkert und Monika Neuhofer, Berlin, New York 2008, S. 111 - 126.

270


ßeren Grenzen um. Er bezieht damit eine politische Position, die das Problem des vertikalen

Konflikts nachrückender Generationen in eine horizontale Bewegung übersetzt,

um die Kontinuität der Machtverhältnisse zu gewährleisten. Freytag folgt darin HegePO,

der das Verschwinden der »Hauptquelle der Unzufriedenheit" mit der Bewegung

in einen vermeintlich freien Raum identifiziert, in dem eine patriarchalische Ordnung

allererst zu errichten ist: »Amerika" gehe der .Spannung", die dann entsteht, wenn

.eine große Menge ihre Bedürfnisse nicht mehr auf eine Weise, wie sie es gewohnt ist,

befriedigen kann", aufgrund seiner Möglichkeit zur Ausdehnung nicht entgegen:

denn es hat unaufhörlich den Ausweg der Kolonisation in hohem Grade offen, und es strömen

beständig eine Menge Menschen in die Ebenen des Mississippi. Durch dieses Mittel ist

die Hauptquelle der Unzufriedenheit geschwunden, und das Fortbestehen des jetzigen bürgerlichen

Zustandes wird verbürgt. [ ... ]: hätten die Wälder Germaniens noch existiert, so

wäre freilich die französische Revolution nicht ins Leben getreten. ll

Sie hätten, bleibt man innerhalb dieser Logik, .dem Fortbestehen des jetzigen bürgerlichen

Zustandes" geopfert werden können. Die politischen Optionen, die aus dieser

dichotomischen Zuspitzung resultieren, weisen auf die Koordinaten bismarckscher Außenpolitik

voraus32; sie stellen dem Konfliktpotenzial gesellschaftlicher .Spannung[en]"

die imperiale Raumnahme .jenseits der Grenze" (321) gegenüber.

2. "Die Herrschaft über diesen Boden". Mythen der Arbeit

und Opfer der Gemeinschaft

Gustav Freytag, dem anders als Löher am .Fortbestehen des jetzigen bürgerlichen. Zu ­

standes" gelegen ist3J, verknüpft die Raumsemantik Amerikas mit der .weltgeschlchtliche[n]

Wichtigkeit" der »Alten Welt".34 In seiner Konzeption wird der von H~gel beh

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lung von Deutschland und Polen übertragen. Aus dieser TransformatIOn ergl~t. Sich em

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. k' . . dErsetzt die nordamenkamsc e

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Interessen im Zeichen der Arbeit' und des ,Fortbestehen[s] des jetzIgen bu~gl.e~. JC edn

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' . I ' h K lung von Grenzstabl Jtat un

ustandes'. Mithin geht es um die poeto oglsc e opp

;- . . I 'al eschichte und Universalgeschichte im

Auf den konstitutiven Zusammenhang von Ko o~ g H I H 'ti and Universal Historv.

deutschen Idealismus macht Susan Buck-Morss aufmer sam: ege , al, .

PiUsburgh 2009

)1 •

)2 Hegel [Anm. 11], S. 113. f' d Niedergang, 1600- 1947, Mün-

Dazu ausführlich: Christopher Clark: Pr~uße~ , Au s~le~ u~enpolitik 1870 bis 1890. Aufstieg

ehen 2007, S. 583-670; sowie Wolfgang Cams: B1Smarc s u

~nd Gefährdung, 2. Aufl., Paderborn 2008. k . ner Interpretation von .Soll und

) Benno Wagner macht diesen Aspekt zum Aus,g~ngsp~~ t ~In Normalitätskultur". S, Benno

Haben" als "konstitutive[m] Bestandteil einer SIC 11 ent d ~n b:n" und der Ursprung des ,Deut­

Wagner: Verklärte Normalität. Gustav Freytags _So u~ . ~ 19

:~hen Sonderwegs', in: IASL 30 (2005), H. 2, 5, 14-37, ler: . .

)\ Hegel [Anm. 11], S. 112.

Ebd., S. 115,

271


Grenzverletzung; erstere ist auf zweitere angewiesen. Das gewaltsame Eindringen in

den Raum "jenseits der Grenze" (321), dessen geheime Motivation in der nicht nur

wirtschaftlichen Spannung vermutet werden darf, die nach 1848 die politische Wahrnehmung

Deutschlands prägt J6 , wie der anfängliche Blick auf Löher zeigt, wird dadurch

mit der - vor dem Hintergrund des bürgerlichen Wertekanons exkulpierenden ­

Semantik einer zivilisatorischen Tat versehen. Der Roman Gustav Freytags erzählt die

Geschichte imperialer Raumnahmen als Versuch, das "Fortbestehen des jetzigen bürgerlichen

Zustandes" durch Grenzverletzungen zu legitimieren, die die Integrität des

bürgerlichen Subjekts paradoxerweise bestätigen sollen. Als Effekt dieses Verfahrens 3 ?,

das die Faszination von Eroberung und Begehren in Imperative der Beschränkung und

des Anstands zu transformieren versucht, zeigt sich in Freytags Text die konsequente

Inszenierung von gleich zwei Sündenböcken. Zum einen der Figur des Juden, auf die

die kapitalistischen Beweggründe der Grenzverletzung projiziert werden 38 , um durch

deren Auslagerung die Reinheit des eigenen Motivationshaushalts zu bezeugen, und

zum anderen der Figur des adligen Dckadents 39 , die zur I1Iustration jener ,katholischen

Auffassungen' von Herrschaft und Wirtschaft dient, die der Genese des "großen Staatskörpers"

(78) hinderlich sind. Beide Figuren werden der Heiligung nationaler Normen

geopfert, die im Roman zur Sichtbarkeit der "weltgeschichtliche[n] Wichtigkeit"40

Deutschlands im ,Zeitalter des Weltverkehrs' beitragen sollen. Tatsächlich zeigt sich in

dieser Ersetzung schon Mitte des 19. Jahrhunderts jener "furchterregende Hintergrund

mit seiner Ökonomie der Gewalt", der, laut Rene Girard, "Rivalitäten und sämtliche

Anwandlungen gegenseitiger Aggression innerhalb der Gemeinschaft" auf das "Opfer"

überträgt: "Das Opfer schützt die ganze Gemeinschaft vor ihrer eigenen Gewalt, es

lenkt die ganze Gemeinschaft auf andere Opfer außerhalb ihrer selbst."41 Freytags

Grenzbestimmung widmet sich dieser semantischen Operation. Im Rückgriff auf

Jb Vgl.: Vormärz - Nachmärz. Bruch oder Kontinuität? Vorträge des Symposions Vormärz Fors~hung

e.V. vom 19. bis 21. November 1998 an der Universität Paderborn, hg. v. Norb~rt ~ke,

BleIcfeld ~OOO; Nachmärz. Der Ursprung der ästhetischen Moderne in einer nachrcvolut1ona~en

KonstellatIon, hg. v. Thomas Koebner, Opladen 1996; sowie aus historischer Perspektive Ulnch

~ehler: Das deutsche Kaiserreich 1871-1918,7. Aufl., Göttingen 1994, S. 24ff.

Ich gebrauche den Begriff im Anschluss an Werber [Anm. 28). .

38 ~gl. dazu Ulrich Kittstein: Vom Zwang poetischer Ordnungen. Die Rolle der jüdischen ~Igu ­

ren en Gustav Freyta~.s "Soll und Haben" und Wilhelm Raabes "Der Hungerpastor", in: P~ e !tsche

Ordnu. ~gen. Zur Erzahlprosa des deutschen Realismus, hg. v. Ulrich Kittstein und Stefanlc Kug­

I~r, Wurzburg. 2007, S. 61-92; Mark H. Gelber: Antisemitismus, literarischer Antisemitismus und

dIe Ko~stella!ton d~r bösen Juden in Gustav Freytags "Soll und Haben", in: 150 Jahre ~Soll ~nd

H~?cn , hg. v. Flo.rtan Krobb, Würzburg 2005, S. 285-300; Klaus Christian Köhnke: EIn anttS e -

ml.tlsch~r Autor wIder Willen, in: Conditio Judaica. Judentum, Antisemitismus und deutschsprachige

LIteratur vom 18. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg hg. v. Hans Otto Horch ~nd

Horst . Dcnklcr ,. Bd 11 , T··b· .u engen 1989 ,. S 130- 147; sowIe .. In eIner .' weiter . ge f assten P er spektlve:

~alm~r Zons: Selbstverfelndung. Zur Geschichte des modernen Antisemitismus in Deutschland,

~~: Feindschaft, hg. v. Medardus Brehl und Kristin Platt, München 2003, S. 178- 197. ..

Z,:m Problem des ,Adels' vgl. Jochen Strobel: Der Adel und die Revolution im Nachma~zr.o ­

man. Zu Kar! ~on Holteis .Christian Lammcrfell" und Gustav Freytags .Soll und Haben , In:

~arHI von I H[Aoltel (1798- 1880), hg. v. Christian Andree, Würzburg 2005, S. 161 - 176.

ege nm. 111. s. 112.

41 ~enc Girard: Das Heilige und die Gewalt übers v Elisabcth Mainberger-Ruh, Frankfurtl

Maln 1992, S. 1M. ' ..

272


Girards Bestimmung der "realen Funktion" des Opfers, die freilich nur in diesem einen

Pun~t ~eltend .gemacht werden soll42, kann man Freytags Roman als ,Gründungsmythos

e~ner na~lOnalen Gemeinschaft lesen 4 3, die imperiale Ansprüche und bürgerliche

~erte I~ ,ZeItalter des Weltverkehrs' konservieren will. Ihr Gründungsnarrativ, das

dlese.m ZIel eine ethisch belastbare semantische Ordnung zur Verfügung stellt, ist im

Begnff der ,Arbeit' gegeben. Dieser Entlastungsbegriff erlaubt es, in einem "Akt des

~erkennens" die "Rolle der Gewalt" ebenso wie die Folgen wirtschaftlicher Modernislerung

zumindest für die "Gläubigen" innerhalb der "Gemeinschaft" auszublenden. H

Fr~~~gs kleinbürgerlicher Protagonist gehört zu den Gründern dieser Religion; seine

I~lttatlon in das Handelshaus T. O. Schröter, das er als "Staats körper" (78) erfährt,

wIrd als Einweihung in die ,Arbeit' am "Geheimbuch" (834) einer höheren Sinnordnung

inszeniert, die er bisher nur durch ihre Medien - durch Nachrichten und Waren -

kannte. Die strukturelle Kopplung zwischen der "Unzufriedenheit", dem ,kolonialen

Ausweg', dem "Fortbestehen des bürgerlichen Zustands" und schließlich auch dem

Entwurf stereoyper Gegenbilder verschwindet in Freytags umfassenden Gründungsnarrativ,

das die politischen und wirtschaftlichen Probleme der deutschen Länder in

Projekte "jenseits der Grenze" (321) von ,Ich' und ,Haus' transformiert; übrig bleibt

nur die Normativität des hehren Ziels deutscher ,Arbeit' und das Ordnungsverspreehen

des "großen Staatskörpers" (78).

J. "Und unser Kampf ist rein." Innenraum und Außenraum

In Freytags Roman wird ,Europa' ganz im Sinne jener Topik, deren zeitgenössische

Genese eingangs kurz gestreift wurde, als "bejahrter Erdhaufen" (103) apostrophiert.

Der adlige Freund der Hauptfigur Anton Wohlfahrt, Herr von Fink, äußert sich auf

diese Weise. Ihm steht nach einem entsprechenden Aufenthalt ,Amerika' ebenfalls als

Vergleichsmoment zur Verfügung. Der "Erdhaufen" jedenfalls harrt der Bearbeitung

und Freytags Roman bestimmt deren Ordnung durch die Verbindung von Handel~ ­

hausgeschichte und Kolonialisierungserzählung als imperiales Fonschritts~uster.4s ~Ie

se~antische Amerikanisierung Mitte!europas, die Freytags Roman b~trelbt, ers~hel~t

mithin als Effekt' des Weltverkehrs'· der Raum "jenseits der Grenze (321) erhalt dIe

Semantik des amerika~ischen Weste~s, der, laut HegeI, den Druckausgleich zwi.schen

Innenraum und Außenraum als "Ausweg der Kolonisation" ersche~nen l~sst.46 Die Bedingung

dafür ist die Durchlässigkeit der ,Grenze', freilich nur in eIner ~Ichtung: "Der

Vorzug großer Mächte", schreibt Ratze! in der "Politischen GeographIe" ~ hege. dann,

"verhältnißmäßig kurze Grenzen zu haben~. Dieser Vorteil nverbindct SIch mIt dem

Vorzug der Entlegenheit der Grenzen vom Herzen des Staates und der Anlehnung an

QEbd., S. 16. Girard selbst hat seine Theorie zur funktionalen. Erklärung ~es A".tisemit~sn1u, .he;

rangezogen: Das Ende der Gewalt. Analysen des Menschheusverhangms~es. ubcrs" \" Au~us

~erz, Freiburg/Breisgau 2009. K h kc' Codes und Nura-

Zur Charakteristik von Grundungserzählungen vgl. Albrecht .ose or . d G '"k

. .. . I D'ff . rung 111 ' Grenzen cr ermanostl.

tlve. Uberlegungen zur Poetik der funkuona en I erenzle • . 2004 5 174- 185

Rephilologisierung oder Erweiterung?, hg. v. Walter Erhart. Stuttgart •. .

44 G'

~5 Irard [Anm. 41J, S. 17. . d E b rern" Soll und Haben" als

Vgl. Kristin Kopp: "Ich stehe jetzt hier als emer von en ro e .•

!olonialroman, in: 150Jahre "Soll und Haben" [Anm. 38J. S. 225-237.

Hegel [Anm. l1J, S. 113.

273


natürliche Schranken, die mit dem Fortschreiten der Expansion immer leichter wird."

Von RatzeIs Schlussfolgerung scheint Freytags Raumgeschichte informiert zu sein:

"Die Grenzen der Vereinigten Staaten sind am besten geeignet, die Grenzvorteile großräumiger

Staaten kennen zu lehren."47 In beide Richtungen, in den amerikanischen

Westen wie in den mitteleuropäischen Osten, wird die Verletzung von Grenzen durch

eine Rhetorik der Zivilisierung kommuniziert. Gustav Freytag lässt polnische Offiziere

als "Häuptlinge" (321,349 u.ö.) auftreten, polnische Bauern erscheinen seinen Protagonisten

als "Wilde" (335) und die Landschaft nimmt er als ,wüste Insel' ohne alle "Bildung"

(499) und "Schönheit" (504) wahr. Mit diesen Bestimmungen ist zugleich festgelegt,

worin die Leistung der Eroberer zu bestehen hat und aus welchen Fortschritten

heraus sie sich legitimieren kann. In den entsprechenden Rollenmustern und Sinnstrukturen

staatsgründender Taten und kulturbringender Eroberungen fand sich das deutsche

Bürgertum in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts offenbar wieder. Nur wenige

deutschsprachige Romane dieser Zeit erfuhren eine Popularität, die mit der von

"Soll und Haben" vergleichbar ist; die Kopplung der Bildungsgeschichte eines bürgerlichen

Individuums mit einer Philosophie der Arbeit 48 , die zugleich Arbeit an jenem

Rahmen ist, der das Selbstverständnis der deutschen Nation nach dem Zeitalter adliger

Herrschaft und der gescheiterten Revolution umreißen soll, besaß anscheinend hinreichend

Faszinationspotential und Identifikationsmomente 49 ; um noch um 1900 die Ausleihstatistiken

öffentlicher Bibliotheken zu dominieren 50 : "Der Roman", heißt es im

Motto, das Freytag Julian Schmidt, wie er selbst Redakteur der Zeitschrift "Grenzboten"SI,

entlehnt, "soll das deutsche Volk da suchen, wo es in seiner Tüchtigkeit zu

finden ist, nämlich bei der Arbeit." Es ist dieser normative Rahmen, der die Voraussetzungen

definiert, unter denen Folter und Gewaltausübung innerhalb des ,Gründungsmythos'

als Phänomene jenseits des Innenraums erscheinen. Ihre Motivation ist durch

die Lokalisierung "jenseits der Grenze" (321) ebenso legitimiert wie ihr Vollzug. Freytags

Metapher für diesen normativen Rahmen des Innenraums ist das ,Haus'. Im ,Haus'

gilt unter dem Rubrum des "Binnengeschäft[s]" (56) eine immer auch moralische Ordnung,

die außerhalb desselben verteidigt werden muss. Nach innen schreibt sie dagegen

jenes ethisch legitimierte Regelwerk der Entsagung und Pflichterfüllung vor, mit dem

das deutsche Bürgertum seit dem 18. Jahrhundert seine politischen Ansprüche gegenüber

dem Adel zu begründen versucht. Freytags Gegenbilder entspringen in folgerichtiger

Konsequenz seinem Sündenbockschema; sie werden als jüdisches Wirtshaus (vgl.

107ff.) und als dekadentes Adelshaus (vgl. 292, 347f.) inszeniert. Die Umschreibung

HegeIs für das Regelwerk des ,ganzen Hauses' ist der ,bürgerliche Zustand', dessen

,F?rtbestehen' Freytags Roman mit seinem ,Gründungsmythos' adressiert: "Anton",

heißt es nach dem Eintritt des Protagonisten in das Handelshaus, "entdeckte bald, daß

:; Friedrich Ratze!: Poli.~ische Geographie, München 1897, S. 504. .

Vgl. dazu Gabnele Buchler-Hauschild: Erzählte Arbeit. Gustav Freytag und die soziale Prosa

des Vor- und Nachmän, Paderborn 1987.

49 ."Soll un~ Haben" ist das "meistgelesene Buch Deutschlands" im 19. Jahrhundert. S. Peter

~e~z H~bnch : Gustav Freytags ,deutsche Ideologie', Kronbergffaunus. 1974, S. 4lf.

gl. TIII van Rahden: Juden und andere Breslauer. Die Beziehungen zwischen Juden, Protestanten

und Katholiken in einer deutschen Großstadt von 1860 bis 1925 Göttingen 2000, S. 274ff.

SI Vgl J P' . Z I' . 'd

'. an aplO.r: um po ltlschen Programm der "Grenzboten" unter G. Freytags un

J. Schmldts Redaknon (1847- 1870), in: Studia Germanica Posnaniensia 20 (1993), S. 31 - 46.

274


e~ die E~re. hatte, ~Ieiner Vasall eines großen Staatskörpers zu sein." (78) Freytag verbtndet

dIe tntegrattve Klammer der Körpermetapher mit der Riehl'schen Vorstellung

des ,g~nz~n ~auscs'52, um den Verkehr zwischen Innen und Außen ebenso zu regulieren

WIe dIe Okonomie der Leidenschaften5J:

Es ~chicn: als wenn dic crnste und emsige Tätigkeit des Geschäfts jedes ungewöhnliche Famlhenerl·ll\nis.

jede Leidensl·haft. jede schnelle Veränderung fernhielte von dem Leben der

Hausgen(lssen. V crstimmung und Hader. Genuß und Schwärmerei. alles wurde niedergchalten

dun:h dcn unablässillcn glcichmässigen Fluß der Arbeit. (137)

Die Bestimmung der ,Grenze' als eines "peripherische[n) Organ[s)", die Friedrich Ratze!

.in seiner nPolitischen Geographie" vorschlägt 54 , bewegt sich innerhalb dieses SinnbezIrks,

der im Bild von ,Haus' und ,Familie' die Nation mit jenem organischen Zusammenhang

ausstaffiert, der weder vor noch nach der Revolution von 1848

selbstverständlich ist. Zwischen der "Grenze" und dem "Staat", schreibt Ratze!, sei "die

innige Beziehung zwischen Organ [...) und Organismus" gestaltet. 55 Bereits Gustav

F~ey tags Protagonist Wohlfahrt ist dementsprechend nur dort bei sich selbst, wo er

~elOe eigenen Grenzen mit denen des ,großen Staats körpers' identifizieren kann: "Du

Irrst [...], wenn du glaubst, daß ein leidenschaftliches Gefühl mich hergetrieben hat"

(622), teilt Anton Wohlfahrt seinem adligen Freund mit, als es um die Motivation seines

Krakauer Aufenthalts geht:

Um uns herum ist für den Augenblick alle gesetzliche Ordnung aufgelöst, ich trage Waffen

ZUr Verteidigung meines l.ebens, und wie ich hundert andere mitten .in einem . fremd.eo

Stamm. W clche .~ Geschäft aueh mich, den einzelnen, hierhergefiihrt hat, Ich stehe Jetzt hier

als einer von den Eroberern. welche für freie Arbeit und menschliche Kultur einer schwäehern

Rasse dic Herrschaft über diesen Boden abgenommen haben. Wir und die Slaw.en. es

ist ein alter Kampf. Und mit Stolz empfinden wir. auf unserer Seite ist die Bildung. die Arbeitslust.

der Kredit. (624)

Im Namen von .. Bildung", "Arbeitslust" und "Kredit" erfolgt der ~ewaltsame Grenzubert.ritt.

Grundlegend für diese Auffassung ist ein Raumv~rstä~dms, das aus ~em semanttschen

Gefälle der Räume zwischen Zentrum und Pertphene, das durch dIe Verkehrsverhältnisse

bestimmt ist, ein gleichsam naturgemäßes Recht zur gewal~same"n

Durchsetzung ordnender Maßnahmen ableitet: »Die Idee des gerechten Kneges ,

schreibt Herfried Münkler fußt auf einer Asymmetrie der Rechtsgründe."56 D~n BC f

griff der ,Rcchtsgründe' giit :s im 19. Jahrhundert wörtlich zu nehm~n; e~ verwe'hs~ ahu

. 'k d e Gesc IC te

eInen RaUmbegriff. Die Realität dieser Raum- und Grenzsemanu ze.lgt I .. d

des Kol o nta

. I'

ISmUS e

b

enso wIe

. d'

te

d

er,

Globalisierung"

'

ihre theoretISche Begrun ung

i2VJw:J . ' . A fI Stuttgart und Augsburg 1858.

53 D~' I helm ~einrich Riehl: Die Fam~lie, 5. u". hat Jose h Vogl dargestellt: Kalkül

IC Genese dieses bürgerlichen Reguherungsparadlgmas p

und leid h f 'k .. . h Mnsehen München 2002. .

S4 R ensc a t. Poeu des okonomlsc en e. '. d . h Ratzels vgl. Werner Köster: Die

R~d a~,zel (Anm.47), S.434. Zur br~iten Rezep.tlon ~ne ;:~tschen Konzepts, Heidelberg ~OO~,

~ uber den "Raum". Zur semantISchen Karnere elOes d d t chen Westraums" im volk1-

:wIe T~omas Müller: Imaginierter Westen. Das Konzept es" eu s

SI hen Diskurs, Bielefdd 2009, S. 113- 125.

l6 Ratze! [Anm. 47], S.504. f vom Alten Rom bis zu den Ver-

.. Herfried Münkler: Imperien. Die Logik der Weltherrscha t -

eInigten Staaten. 4. Aufl .• Berlin 2005, S. 192.

275


legt Friedrich Ratzel im Anschluß an Moritz Wagner in der zweiten Hälfte des 19.

Jahrhunderts vor. 57 Die Dichotomie von rechtsförmigem Innenraum und rechtsfreiem

Außenraum ist für diese Vorstellung in gleicher Weise zentral wie die basale Unterscheidung

von "gesetzliche[r] Ordnung" und "Leidenschaft"; sie organisiert weitere

Anschlussdichotomien, nämlich die von Regel und Ausnahme, von Gesetz und Willkür

sowie die von Sittlichkeit und Sexualität. Im Gefolge dieser Unterscheidungen erscheint

die Verschiebung der Grenzen, die die Reduzierung der Außenräume bedeutet, zugleich

als Erweiterung des regulierten Innenraums; das Medium dieser Verschiebung ist

im 19. Jahrhundert der Verkehr. 58 Im Begriff der ,Arbeit' besitzt diese Auffassung im

Zeitalter beginnender Mobilisierung und Arbeitsmigration zugleich einen Motivierungsrückhalt,

der es ihr erlaubt, imperiale Dynamiken der Raumnahme und Gewaltbegründung

mit der Semantik zivilisatorischen Fortschritts zu versehen. 59 Übergriff

und Grenztilgung sind nicht nur durch die Stabilisierung des "Binnengeschäft[s)" (56),

sondern vielmehr auch durch die Universalierung des bürgerlichen Wertekanons legitimiert.

Die Grenzen, die Freytag zu stabilisieren versucht, um dem bürgerlichen Subjekt

trotz der Gewaltausübung "jenseits der Grenze" (321) seine moralische Integrität im

Begriff der ,Arbeit' zu sichern, haben als Argumente in der Unterscheidung von

,Freund' und ,Feind' eine Karriere gemacht, die earl Schmitts viel zitiertes Diktum auf

seine Ursprünge im Formationsraum bürgerlicher Grenzbestimmungen zurückverweist:

"Der Feind ist unsre eigne Frage als Gestalt. Und er wird uns, wir ihn zum selben

Ende hetzen."60

Die Prominenz der ,Arbeit' ist im frühen 20. Jahrhundert ungebrochen. Aber bereit~ in

Freytags Roman sind die Feinde nichts anderes als die Feinde von "Bildung", "Arbeltslust"

und "Kredit". Diese Fixierung gibt den Szenen der Transgression und Initiation

ihren historischen Sinn; sie verbindet die Faktizität globaler Interessen mit der Normati.vität

.?ürgerlicher WerrvorstelJungen. Freytags .Gründungsmythos' beschreibt also

einen Ubergang; er fragt nach den Möglichkeiten und Grenzen überkommener Wert~ordnungen

und entwirft die Vorstellung einer einvernehmlichen Korrespondenz ZWlsc~en

den Formen der ,Herrschaft' und dem ,Fortbestehen bürgerlicher Zustände'. im

Zeitalter der .Globalisierung'. Diese betrifft die Grenzen allemal, weil sie auf Ih~e

D~r:hlässigkeit .i~ den Außenraum angewiesen ist, um für den Innenraum die ~o~u ­

nu~t~t und StabIlität der "gesetzliche[n] Ordnung" (624) zu wahren. Das funkt\On~~rt

freli1ch nur dort, wo die konstitutive "Rolle der Gewalt"61 in der entlastenden Erzählung

der ,Arbeit' ihren Sinn erhält.

;7 Moritz Wagner'

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und das Migrattonsgesetz

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Leipzig

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18M!. Wag~er c~eltert Darwins Evolutionstheorie in diesem Buch um die Komponente raum 1-

eher Kolomenblldung' auf d' E' b . f

~K V lOh ' leser rwellecung aut Ratzeis Raumtheone au .

~9 g. .sler . ammel.[Anm. 24], S. 1010- 1029.

Aus hlstoClScher Sicht schildert Sebastian Conrad die entsprechenden ,Effekte' dieser . Bcdcu ~

tungsordnungen'

.

Gioball's'

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.

Deutschen Kaisereich,

....

Munc

h

en

2006

,

hier bes ..

S . 124-228.

60 • Carl Schmitt, Glos~a:ium, Berlin 1991, S. 213. Vgl. dazu Ruth Groh: Arbeit an de~ Heillosig~

kelt,dMer. Welt. Zur polItisch-theologischen Mythologie und Anthropologie Carl Schmltts, Frank

furt am 1998.

61 Girard [Anm. 41], S. 17.

276


4. "Die Bildung, die Arbeitslust, der Kredit". Globalisierte Hausordnung

Bereits die erste Vorstellung des Arbeitgebers Anton Wohlfahrts wird innerhalb dicser

Auff~ssung e~twickelt. Nach der sinnfälligen Schilderung von Wohlfahrts Herkunft

aus emem kleinbürgerlichen Familienidyll, gerät Wohlfahrt nach seinem Eintritt ins

Handelshaus T. O. Schröter mit dem ,Weltverkehr' in Kontakt:

Wir leben mitten unter einem bunten Gewebe von zahllosen Fäden, die sich von einem Mens~,hen

zu, dem anderen, über Land und Meer aus einem Weltteil in den anderen spinnen, Sie

hangen sich an jeden einzelnen und verbinden ihn mit der ganzen Welt. (239)

Was i,hm zunächst nur in faszinierenden Lektüren, väterlichen Erzählungen, BörsennachrIchten

und Kolonialwaren begegnet war, wird jetzt zur Wirklichkeit eincs Ge·

schäfts, dessen Wohlergehen ihn existentiell angeht:

Das Geschäft war ein Warengeschäft, wie sie jetzt immer seltener werden, jetzt. wo Eisen·

bahnen und Telegrafen See und Inland verbinden, wo jeder Kaufmann aus den Seestädten

durch seine Agenten die Waren tief im Lande verkaufen lässt, fast bevor sie im Hafen an~e'

langt sind, so selten, daß unsere Nachkommen diese Art des Handels kaum weni~er fremd ·

artig finden werden, wie wir den Marktverkehr zu Tombuktu oder in einem Kaffernkral.

Und doch hatte dies alte, weit bekannte Binnengeschäft ein stolzes. ja fürstliches Ansehen

und, was weit mehr wert ist, es war ganz gemacht, feste Gesinnung und ein si~heres Seihst·

gefühl bei seinen Teilhabern zu schaffen, Denn damals war die Sec weit entfernt. die Kon·

junkturen waren seltener und größer, so mußte auch der Blick des Kaufmanns weiter. seine

Spekulation selbständiger sein. (56)

Freytags programmatisches Anliegen besteht darin, die Transformation dieses Handelshauses,

dessen überalterte Struktur er offen ausstellt, in die modernen Zusammenhänge

des ,Weltverkehrs' mit der Kontinuität bürgerlicher Werte zu verbinden, die den Zumutungen

der Historizität nicht überantwortet werden sollen. Die überholte Organisationsform

"diese[r] Art des Handels" kann zwar als historische Voraussetzung eines

bürgerlich-protestantischen Wertesystems erscheinen, das sich um "feste Gesinnung

Und ein sicheres Selbstgefühl" zentriert. Aber mit der Änderung seiner historischen

Voraussetzungen soll sich das Wertesystem selbst keineswegs modifizieren, An dieser

Stelle treten die Logik des ,Weltverkehrs' und der Moraldiskurs auseinander. Das» w,a.

rengeschäft", dessen Repräsentant den tradierten Moraldiskurs als Kaufman,n v.erkor.

pert, ist auf eine Modernisierung angewiesen, die das "Ansehen" des ~,auses Im, Zeltal·

ter von "Eisenbahnen und Telegrafen" unberührt lässt. Diese ModerOisler~n~ ,wlrd V~lO

~ohlfahrt vollzogen; sie besteht darin, sich "jenseits der Grenze" (321). I,n Clnl'm (,('­

biet, auf das man koloniale Ansprüche erhebt, eine Gewalt zu gestatten, dlc durch Ihre

Motivation namentlich das Fortbestehen der Zustände' diesseits der Gre07:e. gedeckt

ist. Genera:ionskonflikt und 'Modernisierung werden durch Hegcls "Aus,~eg der Kplnnisation"62

miteinander harmonisiert, Die entsprechenden semantischcn UbertrJ~ungen

und Zuordnungen versucht Freytag in den bereits aufgef~hrten Dic~otom,len vorzuneh·

men; er greift dazu auf Raumvorstellungen und Rassendiskurse zuruck, ~IC ~on stabllcn

Grenzen ausgehen. Am wichtigsten scheint in diesem Zusammenhang die hlcrarchlsche

Strukturierung von Innenraum und Außenraum. Sie wird a~s .Ausdruck der Na~ur sClner

Bewohner entworfen, um im Feld der Semantik Homogemslerung en zu genenercn, dlc

-61 H----

egel (Anm. 11], S. 113.

277


mit der Grenzziehung zwischen Ethnien und Räumen korrespondieren; andere Ordnungen

sind schließlich niedrigere Ordnungen. "Jenseits der Grenze" (321) des deutschen

"Haus[es] als Mittelpunkt für viele Millionen", dessen Gründung als "Staat" und

"lebendige Macht" "aus dem Brei unzähliger nichtiger Souveränitäten" (624) erfolgt sei,

ist exakt dieser Zustand "unzähliger nichtiger Souveränitäten" noch anzutreffen. Er legitimiert

die militärische Intervention im Auftrag der "besseren Ordnung" (495):

"Was die polnischen Gutsbesitzer hier in der Nähe geworden sind - und es sind viele reiche

und intelligente Männer darunter - jeder Taler den sie ausgeben klinnen, ist ihnen direkt oder

indirekt durch deutsche Intelligenz erworben. Durch unsere Schafe sind ihre wilden Herden

veredelt, wir bauen die Maschinen, wodurch sie ihre Spiritusfässer füllen; auf deutschem Kre·

dit und deutschem Vertrauen beruht die Geltung, welche ihre Pfandbriefe und ihrc Güter bis

jetzt gehabt haben. Selbst die Gewehre, mit denen sie uns jetzt zu töten suchen, sind in unseren

Gewehrfabriken gemacht, oder durch unsere firmen ihnen geliefert." (624f.)

Die "beiden Kolonisten" (529), Anton Wohlfahrt und sein Freund Karl, installieren in

Polen die ,bessere Ordnung' mit Gewalt; sie "schlag[en] Fenster ein", um "Schurken"

(498) festzunehmen und verschaffen sich durch die Verbindung von "geschäftsmäßige[m]

Wesen" und "kriegerische[r] Haltung" (5l3) gewaltsam "Respekt" (527), um

die "dummen Bauern" (526) von der Rechtmäßigkeit ihrer Besitznahme im Namen des

Vaterlandes zu überzeugen: ",Wir wollen dafür sorgen, daß derselbe Westwind vo.n

heut ab immer weht, solange wir hier sind.'" (506f.) Dieser "Westwind" richtet die

~ufmerksamkeit der Peripherie aufs Zentrum; er gibt dem Hinterland eine wirtSchaftlIche

Perspektive, die mit Gewalt durchgesetzt wird. Zu den Bedingungen der Durchsetzung

zählt offenbar schon hier, angesichts der Auflösung des Feindes in "Ban~en

von schlechtem Gesindel" (606), ,asymmetrische Kriege' (nach Herfried Münkler) fuhren

zu müssen, um

die Knoten eines festen Netzes [zu verteidigen). welches der Deutsche über den Slav.:en g~ ­

legt hat. kunstvolle Knoten. in denen zahllose Fäden zusammenlaufen, durch welche die ~Ie~nen

Arbeiter des Feldes verbunden werden mit andern Menschen, mit Bildung, mit Freiheit

und einem zivilisierten Staat. (585)

",Das ärgste sind die Banden von schlechtem Gesindel die sich zusammenrotten, die

Brandstifter und Plünderer, und gegen solche müssen V:ir uns von heut ab zu verteidigen

suchen.'" (606) Hinter der .Grenze' geht es darum, das Verhältnis von Zentrum

~nd ;erip~e~ie. das in der Netzmetapher zugleich seine Machtansprüche ~o~u~e.ntJen6

, zu fIXIeren: "In solchen Kriegen läßt sich eine starke Tendenz zur Knmtnah,sler.u

ng ~es Gegners .beobachten", fasst Münkler zusammen, "der Feind ~ird grundsa;~~

hch mcht als Gleicher und damit auch nicht als legitime KriegsparteI anerkannt .

Indes liegt in der Du rc h setzung eIgener · Ordnungsmuster weder f·· ur d· le P ro tagonisten

noc.h f~r die Leser d~s Buchs eine großartige Faszination. Diese geht vielmehr :on de:

Frclhelt und den weIßen Flecken "jenseits der Grenze" (321) aUS; in ihnen hegt .da

Versprechen eines Raums, der von den bürgerlichen Ordnungsvorstcllungen noch meht

~trukturiert wurde und deshalb mit abenteuerlichen Erfahrungen aufwarten kann. Das

Ist der Grund warum F . . . ..... . len Normen

~.. reytag Immer Wieder die GultJgkelt Jener natIona

des "Hauses fur Viele MI·II· IOnen " (624)

In

" ErInnerung ru f en muss:

~V M~! · kWI erb[A er [Anm. 28) sowie Osterhammel [Anm. 24) S. 1010-1056.

un cr nm. 56). S. 192. '

278


We~ immer in den gebahnte~ Wegen des Lebens fortgegangen ist, begrenzt durch das Gesetz,

be~t1mmt durch Ordnung, Sitte, Form, welche in seiner Heimat als tausendjährige Gewohnheit

v~n Geschlecht zu Ges:hlecht vererbt worden, und wer plötzlich unter Fremde geworfen

wlr~, wo das Gesetz seme Rechte nur unvollkommen zu schützen vermag, und wo er

d~rch eigene Kraft die Berechtigung zu leben sich alle Tage erkämpfen muß; der erst erkennt

die Segen der heiligen Kreise, welche um jeden einzelnen Menschen Tausende der Mitlebenden

bilden, die Familie, seine Arbeitsgenossen, sein Volksstamm, sein Staat. Ob er in der

~remde verliere oder gewinne, er wird ein anderer. Ist er ein Schwächling, so wird er die

eigene Art den fremden Gewalten opfern, in deren Bannkreis er getreten ist. [ ... ] Erst im

Auslande lernt man den Reiz des Heimatdialektes genießen, erst in der Fremde erkennt man,

was das Vaterland ist. (SOSf.)

Die ~Ökonomie der Gewalt", die im Blick auf die Grenzbefestigung der "Gemeinschaft"

ebenso ein ~Opfer" einfordert wie im Blick auf das "lch"65, findet sich auch in

der Begrenzung der "fremden Gewalt" (509) sexuellen Begehrens wieder. Die Schwester

des Kaufmanns entsagt aus diesem Grund ihrer Liebe zu dem Adligen Fink: ~,lch

habe getan, was du von mir erwarten konntest; ich werde ihn nicht wiedersehen. ' Dabei

stürzten ihr die Tränen aus den Augen" (315). Der Bruder, von den Tränen überrascht,

fragt seine Schwester, ob er schuld daran sei, dass sie ~,die Hand des reichen Erben

ausschlug'": ",Ich dachte an dich und dein aufopferndes, pflichtgetreues Leben,

und seine glänzende Gestalt verlor die schönen Farben, in denen ich sie wohl sonst gesehen

hatte.'" Der anschließende Dialog offenbart den konstitutiven Zusammenhang

von ,Grenze' und ,Opfer' als Konstruktionsregel jener nationalen ,Gemeinschaft', um

die es Freytag zu tun ist:

"Sabine, du hast mir ein Opfer gebracht", rief der Bruder erschrocken. -

"Nein, Traugott, wenn es ein Opfer war, so habe ich es diesem Haus gebracht, [ ... ]." (315)

Fink ist zuvor von Sabine mit den Worten verabschiedet worden, er solle "unter den

mächtigen Versuchungen" und ~dem wilden Kampf", die ihn in ~der Fremde" erwa:­

t~ten, an das ~deutsche Bürgerhaus" und den "Brauch dieses Hauses" denk~n: "Sie

hielt die Rechte über sein Haupt, wie eine Mutter, welche angstvoll den. schel?ende.n

Liebling segnet" (314f.). Sabine, deren Bild hier in eine Heiligkeit transferiert wIrd, dIe

di~ Religion des ,ganzen Hauses' auszeichnen soll, wird ~chließI!~h ~nton W.ohlfahrt

heiraten. Dessen eigenes Begehren hatte eine ganz ähnhche Inttlatlon~gesch~chte zu

durchlaufen; er musste angesichts der Faszination einer adligen Schönheit an .dle Gre~ ­

Zen erinnert werden deren rituelle Stabilisierung im "Opfer" jene HierarchIe, auf die

der Roman in der L~gitimation hegemonialer Gewaltakte zurückgreift, allere:st ins Leben

ruft. "Wilde Leidenschaften" sind in diesem Kontext fehl am Platze, ~ I e sch~den

dem "ruhigen Glanz des Hauses~ (131), in dessen Grenzen auch die romantische LIebe

domestiziert wird. Deshalb will Wohlfahrt für das .Fräulein" des Hauses vor allem

.ein brüderlicher Schutz [und] ein Vertrauter sein" (131 f.).

Der Kaufmann alten Schlags modernisiert durch die Verheiratung von Anto~ Wohlf

h . . , I h J. enseits der Grenze' mcht nur

artmIt semer Schwester das Haus, we c es zuvor , ..

durch die politischen Revolutio~en, sondern vor allem auch durch die "wllde[nl ~eld

h . f··h d H els Ausweg der Kolontsaensc

aften" der jungen Generation ge a r et war. eg "

6\ G. Irard [Anm. 41], S. 17.

279


tion"66 führt nach Polen und in die bürgerliche Ehe. Als dem" Warengeschäft" (56) der

Konkurs droht, weil die polnischen Rohstoffquellen und Absatzmärkte durch den

revolutionären Anspruch der ,Insurgenten' gefährdet sind, ist es Anton Wohlfahrts

gewaltsamer Auftritt als Kolonist, dem das deutsche Heer stehenden Fußes folgt, der

das ,Haus' schließlich rettet:

Und auf der Straße klang Trommelwirbel und der regclmägige Tritt cinzichenoer Regimenter.

[ ... ] "Wir haben unseren Willen durchgesetzt", sagte der Kaufmann, "wie sie sehen, nicht

ohne Hindernisse - " er zeigte lächelnd auf seinen verbundenen Arm. (367)

Der ,Triumph des Willens' mündet in der neuen Ordnung eines ,Hauses', das als Zentrum

eines Netzes figuriert. Es ist konsequent, dass der verwundete Kaufmann sein

,Haus' um jene ,Jugend' erweitern wird, dem es seine "Rettung" (367) verdankt. Was

zuvor als "Geheimbuch von T. O. Schröter" (834) geführt wird, firmiert nun unter dem

Titel "Geheimbuch von T. O. Schröter und Kompagnie" (834f.). Es ist diese Erweiterung

des " Warengeschäft[s]" (56) um den Raum im Osten nicht weniger als eine Anleitung

zur deutschen Geschichte. Die Zukunftsfähigkeit dieses Modells hängt von den

semantischen Hierarchien zwischen Zentrum und Peripherie ab, deren Genese Freytags

Roman als ,Gründungsmythos' inszeniert. Die Prosperität des überkommenen "Warengeschäftes]"

(56) bleibt im ,Zeitalter des Weltverkehrs' nur dann erhalten, wenn "die

rüstige Jugendkraft" (835) ihr Ziel in der Wahrnehmung kolonialer Interessen und der

Sicherung von Märkten erblickt, die für die Stabilität des "großen Staatskörpers" (78)

einstehen müssen. Die gewaltsame Fixierung des Verhältnisses von Zentrum und Peripherie,

das im Roman durch die Korrelation von "zivilisierte[m] Staat" (585) und einem

"Haufen zerstreuter Ackerbauern" (330) festgeschrieben ist, überträgt die Ordnung des

Hauses auf die Logik der imperialen Weltordnung. Beide basieren auf Grenzen, deren

einseitige Durchlässigkeit bereits im Roman Gustav Freytags den ,Weltverkehr' regelt.

Diese Grenzen legitmieren zugleich die "Ökonomie der Gewalt" Y Sie kommt dort

zum Tragen, wo die Verbindung von Zentrum und Peripherie in Gefahr ist, weil das

"Netz" der "deutschen Kolonisten" (586) zu zerreißen droht. Die Aussetzung jener

Universalien des Rechts, für die die Rede vom ,zivilisierten Staat' seit dem ausgehende~

18. Jahrhundert und dem Sieges zug des Code Napoleon ja immerhin steht, kann mIt

dem Zustand der" Wildern]" (335) ,jenseits der Grenze' begründet werden. Dieses Versprechen

einer semantischen Ordnung, die den Gebrauch von Gewalt legitimiert, war

aus ,Amerika' mitgebracht worden. Es gründet indes in der weitaus älteren Annahme,

durch die Ausdehnung des Innenraums dem Außenraum Fortschritt und Zivilisation"

zu bringen. 68 Der Kaufmann, dessen ,Haus' durch die Ad:ption dieser Annahme in die

Moderne überführt worden ist, bringt schließlich die Wirksamkeit von Grenzen auf den

Punkt: d.ie vor allem ~azu dienen, Hierarchien hegemonialer Macht zu stabilisieren, indem

sIe Ihnen NarratIve der Legitimation zur Verfügung stellen:

"Das heigt, sie haben keine Kultur", fuhr der Kaufmann fort es ist merkwürdig, wie unfähig

sie sind, den Stand, welcher Zivilisation und Fortschritt d::Stellt und welcher einen Haufen

zerstreuter Ackerbauern zu einem Slaate erhebt, aus sich heraus zu schaffen." (330)

66 Hegel [Anm. 11), S. 113.

67 Girard [Anm. 41), S. 16.

68 Münkler [Anm. 56], S. 11-21.

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