vormoderne Gesellschaften - lamp

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vormoderne Gesellschaften - lamp

Teil 2:

Globalisierung

und sozialer

Wandel


Teil 2 der Vorlesung

entspricht etwa den

Kapiteln 2 „Globalisierung

und sozialer Wandel“ und

20 „Globale Ungleichheit“

aus dem Lehrbuch

„Soziologie“


Inhalt von Vorlesung 2:

1. Aspekte der Globalisierung anhand von Fallbeispielen.

2. Der lange Weg zur globalen Gesellschaft.

3. Globale Ungleichheit.

4. Einflüsse auf den sozialen Wandel und Aspekte der Globalisierung.

5. Theorien der Globalisierung.


1. Aspekte der Globalisierung anhand von Fallbeispielen.


Entstehung einer Weltkultur: z.B. Reggae-Musik

1

Reaggae-Musik ist beispielhaft, wie der Kontakt

zwischen sozialen Gruppen im Zuge der

Globalisierung zur Kreation neuer musikalischer

Formen führt.

Im 17. Jahrhundert wurden Westafrikaner als

Sklaven von den Briten auf die Westindischen Inseln

gebracht, um dort auf den Zuckerrohr-Plantagen zu

arbeiten. Die Nachfolger der Sklaven konnten die

afrikanische Trommeltradition („Burru“) aufrecht

erhalten. Sie mischten sie mit europäischen

Musikstilen.

In den 1930er Jahren wurde Haile Selassie zum

Kaiser von Äthiopien und kämpfte gegen den

Kolonialismus. Auf den Westindischen Inseln wurde

er von einigen als Gott angesehen und „Prinz Ras

Tafari“ genannt. Daraus entstand die Rastafari-

Bewegung.

Ihre Musik mischte sich mit dem USamerikanischen

Blues und wurde zum Ska.

Auswanderer verwandelten daraus in Notting Hill/

London die weltweit populäre Reggae-Musik.


3. Rohstoffe und Lebensmittel ist in Weltmärkten organisiert. Ihr Handel ist über das Finanzsystem

(Börsen) direkt mit dem Handel von Finanzprodukten, Immobilien und Fertigprodukten verknüpft. So wurde

aus der Immobilienblase ein Energieproblem, eine Finanzkrise, eine Weltwirtschaftskrise, die zu

Hungerrevolten von 2008 und die Krise

1

Die Hungerrevolten von 2008 haben weltweit mehrere Regierungen gestürzt. Sie beruhen auf einer

komplizierten globalen Verkettung von Entscheidungsprozessen. Zum wurden diese Revolten durch die

rapide weltweite Steigerung von Getreidepreisen ausgelöst. Dies war die Folge von mindestens drei

Faktoren:

1. Ernteausfälle und höhere Nachrage nach Ökotreibstoffen erhöhte die Getreidepreise. Das verweist zum

einen auf ein globales Energie- und Umweltproblem, dessen Lösung zu mehr Ungleichheit auf der Welt

führen kann.

2. Erdöl- und Erdgas- und andere nichterneuerbare Ressourcen knapp, gehen zu Neige und sind

geographisch ungleich verteilt.


Internationale Arbeitsteilung: Der neue Airbus.

1

Der Airbus A380 ist ein Beispiel für internationale Arbeitsteilung. Seine

Anfertigung ist auf Produktionsstätten in vier europäischen Ländern aufgeteilt. Die

Einzelteile müssen aufwendig mit modernsten Mitteln transportiert werden. Diese Form

von Produktion setzt die Zusammenarbeit von Nationalstaaten innerhalb der EU

voraus. Die Produktion dieses Flugzeuges wäre ohne globale

Kommunikationstechnologien wie das Internet nicht möglich.

Außerdem ist dieser Airbus Teil des Welthandes. Er ist etwa im Rahmen von WTO-

Regeln Gegenstand der Beziehungen zwischen der EU und den USA, die mit Boing

Konkurrenzprodukte auf den Markt bringen. Schlussendlich findet dieses Flugzeug global

Käufer und zwingt zu einem weltweiten Umbau von Flughäfen und führt zu einer

unglaublich komplizierten Verkettung an Handlungsfolgen auf der ganzen Erde.


Stuxnet: Globaler Cyberkrieg oder Terrorismus

1

Atomanlage Bushehr

2009 wurden iranische Atomanlagen (von der Firma Simens) durch den

Computer-Virus Stuxnet lahm gelegt. Es handelt sich dabei um einer der ersten

Cyber-Attacken eines Nationalstaates auf einen anderen. Globale

Kommunikationssysteme und moderne technische Anlagen machen

Gesellschaften gegenüber ganz neuen Bedrohungen verwundbar.


2. Der lange Weg zur globalen Gesellschaft.


Globalisierung als kurzer Augenblick der Menschheitsgeschichte.

2

• Menschen gibt es seit ca. 500.000 Jahren

• Ackerbau seit ca. 12.000 Jahren

• Zivilisationen seit ca. 6.000 Jahre

• In einer 24 Stunden Welt:

• Bis 23 Uhr, 56 Minuten und 00 Sekunden – Ackerbau

• Ab 23 Uhr, 57 Minuten und 00 Sekunden – Zivilisationen

• Ab 23 Uhr, 59 Minuten und 30 Sekunden – moderne Gesellschaften

• In den letzten 30 Sekunden fanden mehr Änderungen statt als in der ganzen

Zeit davor


Alle anderen Gesellschaftstypen werden vormoderne Gesellschaften genannt. Dazu

zählen Jäger- und Sammler Gesellschaften, Weidelandgesellschaften, Agrargesellschaften

und traditionelle Zivilisationen.

Gesellschaftstypen 2

Die Soziologie unterscheidet sehr grob zwischen zwei Hauptgruppen von Gesellschaften:

vormoderner Gesellschaften.

•moderner Gesellschaften.

Von modernen Gesellschaften spricht man erst von industrialisierten

Gesellschaften. Die Industrialisierung hat weltweit zu unterschiedlichen Augenblicken

stattgefunden und ist auch unterschiedlich schnell traditionelle Lebensweisen

verändert. Sie begann mit der Industriellen Revolution in England um etwa

1750, setzte sich im neunzehnten Jahrhundert in Europa und Amerika fort und erfasste

im 20. Jahrhundert die asiatischen Gesellschaften. In Afrika setzte die Industrialisierung

erst vor sehr kurzer Zeit ein. Sie ist überall mit Landflucht, Verstädterung, der Bildung

von Nationalstaaten und neuen kulturellen Einflüssen verbunden. Die zeitlichen

Unterschiede, in denen Gesellschaften modern wurden erklärt auch die heutige

globale Ungleichheit zwischen Erster Welt, Schwellenländer und

Entwicklungsländer.


Vormoderne Gesellschaften 1: Jäger- und Sammler Gesellschaften.

2

Anteil von Jäger- und Sammlern an der weltweiten

Gesamtpopulation.

– 50.000 v. Chr.

bis zur

Gegenwart.

Heute im

Verschwinden

begriffen

– kleinen Zahl

von Menschen,

die vom Jagen,

Fischen und

Sammeln von

essbaren

Pflanzen und

Früchten leben

– Geringe soziale

Ungleichheit:

Geschlecht und

Alter


Vormoderne Gesellschaften 2: Weidelangesellscgaten.

2

– Ca. 12.000 v. Chr. bis heute.

– Heute meist Teil größerer

staatlicher Einheiten, durch die

ihre traditionelle Lebensweise

untergraben wird

– Viehhaltung

– ausgeprägten Ungleichheiten,

– Häuptlinge oder Kriegskönige


Vormoderne Gesellschaften 3: Agrargesellschaften.

2

„Fruchtbare Halbmond“ wo die

„neolithische Revolution begann.

– 12.000 v. Chr. bis heute.

– H e u t e m e i s t Te i l g r ö ß e r e r

staatlicher Einheiten. Verlieren ihre

Eigenheit.

– Kleine ländliche Gemeinschaften

– ohne oder nur kleine Städte

– mehr Ungleichheit

– Häuptlinge

Anteil der landwirtschaftlich tätigen

Bevölkerung heute.


Vormoderne Gesellschaften 4: Frühe Zivilisationen und traditionelle Staaten.

2

Seit ungefähr 6000 v. Chr., bis 19.

Jahrhundert

Heute verschwunden.

Landanbau wurde besser koordiniert.

Landwirtschaft ist Grundlage der

Wirtschaft.

Städte mit Handel und

Güterproduktion

Manchmal große Imperien (Millionen

von Menschen).


Typen vormoderner Gesellschaften: Zusammenfassung.

2

Typ Zeitperiode des Auftretens Besonderheiten

Jäger und

Sammlergesellschaften

Agrargesellschaften

Weidegesellschaften

Traditionelle

Gesellschaften oder

Zivilisationen

50.000 v. Chr. bis zur

Gegenwart

Heute im Verschwinden

begriffen

12.000 v. Chr. bis heute. Die

meisten sind heute Teil

größerer politischer

[staatlicher] Einheiten und

verlieren ihre Eigenheit.

12.000 v. Chr. bis heute. Die

meisten sind heute Teil

größerer politischer

[staatlicher] Einheiten durch

die ihre traditionelle

Lebensweise untergraben

wird.

6.000 v. Chr. bis ins 19.

Jahrhundert. Alle traditionellen

Staaten sind verschwunden.

Bestehen aus einer kleinen Zahl von

Menschen, die vom Jagen, Fischen

und Sammeln von essbaren Pflanzen

und Früchten leben

Wenig Ungleichheit

Rangunterschiede beschränken sich

auf Alter und Geschlecht

Basierend auf kleine ländliche

Gemeinschaften ohne Städte

Lebensunterhalt wird durch

Landwirtschaft bestritten, oft ergänzt

durch Jagen und Sammeln.

Stärkere Ungleichheit als bei Jägerund

Sammlergesellschaften

Regiert von Häuptlingen

Größe variiert zwischen einigen

Hundert und vielen Tausend

Menschen.

Ernährung abhängig von Viehhaltung.

Gekennzeichnet von ausgeprägten

Ungleichheiten

Regiert von Häuptlingen oder

Sehr groß Kriegskönigen. in Bevölkerungszahl,

einige umfassen Millionen von

Menschen (was im Vergleich zu

größeren Industriegesellschaften

dennoch klein ist)

Einige Städte, in denen Handel und

Gewerbe konzentriert sind

Basieren hauptsächlich auf

Landwirtschaft

Bedeutende Ungleichheiten zwischen

den Klassen


Moderne Gesellschaften

2

Industrielle Gesellschaften sind vorherrschend:

• große Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung ist in

Fabriken oder Büros beschäftigt, nicht mehr in

der Landwirtschaft.

• 90% der Bevölkerung lebt in Städten.

• Städtisches Leben ist unpersönlich und anonym.

• Die politischen Systeme sind höher entwickelt;

Transport und Kommunikation führt zu stärkeren

integrierten ‘Nationalstaaten’.


Typen moderner Gesellschaften

2

Typ Zeitperiode des Auftretens Besonderheiten

Erste Welt

Zweite Welt

Entwicklungsländer

(‚DritteWelt’)

Schwellenländer

18. Jahrhundert bis zur Gegenwart

Frühes 20. Jahrhundert (in Folge

der Russischen Revolution 1917)

bis in die frühen 1990er Jahre

18. Jahrhundert (Kolonien) bis zur

Gegenwart

1970 bis zu heute

Grundlage der Wirtschaft ist industrielle Produktion und freies

Unternehmertum

Mehrheit der Bevölkerung lebt in Städten, einige wenige

arbeiten in der Landwirtschaft in ländlichen Siedlungen

Bedeutende Ungleichheiten zwischen den Klassen,

wenngleich weniger ausgeprägt als in traditionalen Staaten

Eigenständige politische Einheiten oder Nationalstaaten wie

die westlichen Länder, Japan, Australien und Neuseeland

Grundlage der Wirtschaft ist industrielle Produktion aber

zentral geplant

Kleiner Anteil der der Bevölkerung arbeitet in der

Landwirtschaft, die meisten Menschen leben in Städten

Bedeutende Klassenunterschiede bleiben bestehen

Eigenständige politische Einheiten oder Nationalstaaten

Bis 1989 bestehend aus der Sowjetunion und Osteuropa,

aber sozialer und politischer Wandel verwandelte diese in

marktwirtschaftliche Wirtschaftssystem nach dem Modell der

„ersten Welt“

Mehrheit der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig, setzt

traditionelle Produktionsmethoden ein

Einige landwirtschaftliche Produkte und Rohstoffe werden auf

dem Weltmarkt verkauft

Einige haben freie Marktwirtschaften, während andere

planwirtschaftlich organisiert sind

Eigenständige politische Einheiten oder Nationalstaaten wie

China, Indien, die meisten afrikanischen und

südamerikanischen Nationen

Frühere Entwicklungsländer, die nun auf industrieller

Produktion und allgemein freier Marktwirtschaft basieren

Mehrheit der Bevölkerung lebt in Städten, einige wenige

arbeiten in der Landwirtschaft

Bedeutende Ungleichheiten zwischen den Klassen, stärker

ausgeprägt als in den Gesellschaften der Ersten Welt

Durchschnittliches Prokopfeinkommen ist wesentlich

niedriger als in den Gesellschaften der Ersten Welt

Umfassen: Hong Kong, Südkorea, Singapur, Taiwan,

Brasilien und Mexiko


3. Globale Ungleichheit


Der Weg zur globalen Ungleichheit

3

• Seit ca. 1500 bildeten viele

europäische Staaten ‘Kolonien’

in Regionen, wo davor

traditionelle Gesellschaften

bestanden, oftmals erfolgte die

Kolonisierung gewaltsam

• In Nordamerika, Australien und

Neuseeland wurden

europäische Siedler zur

Bevölkerungsmehrheit

• In Asien, Afrika und

Südamerika blieb die

ursprüngliche Bevölkerung in

der Mehrzahl

Immanuel Wallerstein entwickelte die

Weltsystem-Theorie. Er geht davon aus,

dass durch die europäische Kolonialisierung

die Welt bis heute in Zentrum, Peripherie

und Semiperipherie eingeteilt wird.

Im Zentrum werden demnach hochwertige

Produkte gefertigt. Die Peripherie liefert

Rohstoffe, landwirtschaftliche Produkte und

Arbeitskräfte.


Formen globaler Ungleichheit

3

Die Weltbank teilt Länder in drei Gruppen, nach ihrem Bruttoinlandsprodukt

(BIP)

• Reiche Länder: 15% der Weltbev., 79% des Weltreichtums

• Mittlere Länder: 45% der Weltbev., 18% des Weltreichtums

• Arme Länder: 40% der Weltbev., 3% des Weltreichtums

(Daten für 1999)


Die obere Grafik zeigt Veränderungen 3

des durchschnittlichen

Nationaleinkommens zw. 1980 und

2000. Arme Länder haben sowohl

besonders hohe wie niedrige

Wachstumsraten. Die (schwarze)

Trendlinie scheint zu belegen, dass die

globale Ungleichheit zugenommen hat,

weil das Pro-Kopf-BIP der reichen

Länder stärker gewachsen ist als jenes

der armen.

Die untere Grafik berücksichtigt die

Bevölkerungsgröße der Länder und ergibt

ein anderes Bild globaler Ungleichheit.

China und Indien wuchsen in den beiden

Jahrzehnten überdurchschnittlich. Wegen

der Größe dieser Länder würde eine

Trendlinie wohl einen nach rechts

fallenden Verlauf haben.

Mit anderen Worten, die globale

U n g l e i c h h e i t h ä t t e s e i t 1 9 8 0

abgenommen.


Globale Lebensqualität

3

Lebensqualität-Indikator 1968 1998

% Analphabeten 53 30

Durchschnittl Kinderzahl 6 3

Kindersterblichkeit vor 1. Lj 1 in 4 1 in 8

Kindersterblichkeit pro Jahr 12 mio 7 mio

Unterernährte 4 in 10 2 in 10

Lebenserwartung 50 61

Jahreseinkommen pro Person c. $700 c. $1100


Human Development Index (HDI)

3


3

Quelle: http://hdr.undp.org/en/media/HDR_2009_EN_Table_H.pdf

Daten und Erläuterungen:

http://hdr.undp.org/en/statistics/indices/


Gini-Koeffizient

3

https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/fields/2172.html

GINI, Corrado, 1921: Measurement of inequality of income,

in: Economic Journal 31, 124-126.


4. Einflüsse auf den sozialen Wandel und Aspekte der

Globalisierung.


4

Sozialer Wandel

Drei Haupteinflüsse:

• Kulturelle Faktoren

– Religiöse Überzeugungen (Max Weber)

– Kommunikationsysteme (Erfindung der Schrift)

– Charismatische Führer (z.B. Gandhi)

• Physische Umwelt

– Klimatische Bedingungen und Vorhandensein von Pflanzen und Tieren

• Politische Organisation

– Demokratische Ideologie oder militärische Macht


5. Theorien der Globalisierung.


Globalisierungsdebatte 5

Hyper-globalisierer Skeptiker Transformalisten

Hauptkennzeich

en

Globaler Kapitalismus,

Weltregierung,

globale Zivilgesel.

Globaler Kapitalis-mus,

Weltregierung, globale

Zivilgesel.

„Dicke“ (intensive

und extensive)

Globalisierung

Macht

nationaler

Regierungen

Abnehmend bzw.

sich auflösend

Verstärkt

Wiederhergestellt

Treibende Kräfte

der

Globalisierung

Kapitalismus und

Technologie

Regierungen und

Märkte

Kombinierte Kräfte

der Moderne

Muster der

Ungleichheit

Erosion alter

Hierarchien

Zunehmende Marginalisierung

des Südens

Neue Weltordnung

Zusammenfasse

ndes Argument

Das Ende des

Nationalstaates

Internationalisierung

abhängig von

Zustimm-ung und

Unterstützung durch

Regierungen

Globalisierung

verändert

Regierungs-macht

und Weltpolitik

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