Geschichte der polnischen Litteratur

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Geschichte der polnischen Litteratur

VIERTES KAPITEL.

Die Dilettanten des 17. Jahrhunderts.

Das neue Jahrhundert bedeutete für den Staat seine gröfste

Ausdehnung, für seine Kultur weitreichendste Ausstrahlung, zumal

nach Rufsland, für seine Litteratur innigste Verquickung mit

nationalem Geiste. Leider war die Machtfülle nach aufsen hin,

die imposante Ausdehnung vom Schwarzen bis zum Baltischen

Meere und von der Warthe bis

zur Desna, nicht geschützt durch

natürliche Grenzen, ein starkes Heer, zahlreiche Festungen, und

lockte nur Polens begehrliche Nachbarn; der Strom der Kultur,

immer weniger von europäischem Zufluls gespeist, versandete

und trocknete aus; die nationale Litteratur hat den Verfall

nationalen geistigen Lebens nicht aufgehalten. Langsam neigte

sich Polens Sonne ihrem Untergange zu, länger wurden ihre

Schatten und immer seltener blitzte ihr Licht, zuletzt 1683 vor

Wien, aus dem drohenden Gewölke hervor.

Die adlige Interessenwirtschaft und Anarchie machte bedenkliche

Fortschritte; war im 16, Jahrhundert die Drohung der

Reichsboten, vom König an die »Brüder« zu appellieren, immer

unausgeführt geblieben, so begann das 17. mit einer dumpfen

Gärung im Adel gegen den unpopulärsten aller Könige, die je

auf dem Throne der Piasten gesessen, dem die überzeugtesten

Verehrer des Monarchismus nur mit Widerwillen dienten,

und die

Klausel »de non praestanda oboedientia« trat zum erstenmal

1606 ins Leben, als die Insurrektion, der Rokosch, unpolnisch

nach Begriff und Namen, sich das Richteramt über den König

anmafste und seinen bürgerlichen Tod aussprach. Zwar wurde

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