Geschichte der polnischen Litteratur

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Geschichte der polnischen Litteratur

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von Bekannten; andere haben überhaupt keine Zeile zu drucken

gestattet. Dadurch ist nun wieder vieles für immer verloren

gegangen; die wenigen Abschriften, bei der Sorglosigkeit, mit

welcher der Pole seine Bücher behandelte, sind in Moder oder

Flammen aufgegangen. Für manches Erhaltene ist oft der Autor

nicht mehr oder nicht sicher anzugeben, denn von einem Sichnennen

war nie die Rede; die Tradition behielt manchmal den

richtigen Namen, manchmal einen falschen, wies z. B. den Pastor

fido dem Kronkanzler Ossolinski zu. Ungleich schlimmer wirkte

jedoch, dafs ein derartiges Schaffen ganz dilettantisch werden

mufste : man schrieb ja nur für sich, dachte an keine Öffentlichkeit,

an keine unbefangene Kritik, man nahm die Sache nie

recht ernst, man vertrieb damit die Zeit sich und andern; was

sollte da erst ein sorgfältiges Feilen und Wägen? Man strebte

nie nach dem Höchsten, und leistete darum noch weniger, als das

angeborene Talent hätte erwarten lassen; blutiger Dilettantismus

wurde der Erbmakel dieser ganzen Litteratur, die keinerlei

Kritik angespornt, belehrt, gewarnt hat.

So geschah es denn, dafs die geschmackvolleren, moderneren,

interessanteren Werke der Zeit den Zeitgenossen selbst vorenthalten

blieben, dafs die Druckerpressen von fadem, seichten Geschwätz

der Lobhudler in Vers und Prosa, in Latein und Polnisch,

und von frommen Traktätchen, Predigten. Gebetbüchern allein

in Anspruch genommen wurden; die Hauptwerke des 17. Jahrhunderts,

diejenigen, welche neben den feilen oder frommen

Skribenten und Skripturen, neben der ödesten Prosa und noch

öderen Versen, Geist und Gefühl, Phantasie und Humor, Geschmack

und Wahrheit bewiesen, sind -erst im 19. Jahrhundert

zum erstenmal an die Öffentlichkeit gelangt ; niemals ist so systematisch

das Licht unter den Scheffel gestellt worden. Die Litteratur

zerfiel förmlich in die offene, gedruckte, wo panegyrisches

Lügen und asketisches Winseln überwog, und in die unzugänglichere

handschriftliche, die allein Zeugnis ablegte für Menschen und

Zeiten. Es spreizte sich breit alles Überflüssige, Gedankenleere,

Formlose; verborgen blieb, was belehren, anregen, läutern sollte.

Der Hofmarschall Lukas Opalinski schrieb z. B. einen »Poeta«,

die erste polnische Poetik in Versen, vor Boileau, mit treffenden

Bemerkungen , satirischen Ausfä llen , die manchen hätte zum

Nachdenken bringen können; sie ist in einer einzigen Abschrift

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