Geschichte der polnischen Litteratur

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Geschichte der polnischen Litteratur

Novellen,

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in denen die katholischen Spanier gar sehr den Kürzeren

zogen gegen die keuschen, energischen Holländerinnen, Tressa

und Gazela; andere, oft Ungenannte, wählten Scenen aus dem

täglichen Leben, eine adlige Hochzeit, eine Huldigungsreise dem

neuen König entgegen u. dgl., in denen das Unbedeutende durch

die launige Erzählung von allerlei Unfällen und Zufällen, durch

den derben Witz, durch die Freude an der Detailmalerei von

Trachten, Tänzen u. s. w. wirksam gehoben wurde.

Dieser mächtige epische Trieb, als wäre er eine verspätete,

nachträgliche, mittelalterliche Erscheinung, erfafste auch die religiösen

Stoffe; das 17. Jahrhundert war auch das Jahrhundert

der polnischen Messiaden; sie begleiteten dasselbe von 1610 bis

1689. In russischer Gefangenschaft schmachtend, dichtete

Rozniatowski die erste, kürzeste und frischeste derselben; nach

ihm kamen Odymalski und Gawlowizki, immer breiter das ganze

Erlösungswerk schildernd , vor apokryphen Einzelheiten , vor

mittelalterlichen Conceptionen nicht scheuend ; zuletzt W. Potozki.

Der Exarianer hatte ein gröfseres Werk geplant: in vielen

Tausenden von Versen sollte nicht nur der erzählende, sondern

auch der lehrhafte Teil der Evangelien erschöpft und mit fortwährenden

Ausfällen gegen die Gegenwart und deren pseudochristliches

Treiben erläutert werden, wobei die Geistlichkeit und

katholische Praktiken recht schlecht wegkamen; aber das ungeheure

Werk scheint unvollendet geblieben zu sein; eine Reinschrift

ist wenigstens nicht aufzutreiben. Dafür gab er nur den

Schlufsteil dieser Messiade, die Passionsgeschichte des Herrn, im

Druckeheraus; kriegerisch war schon ihr Titel: »Neue Werbung

zur Fahne u. s. w.« (die überlangen Titel waren schon sehr beliebt),

und kriegerisch ihr Ton, denn allen Sünden und Lastern

ward der Vernichtungskrieg erklärt. Dadurch kam in die Darstellung,

die sich sonst streng an den Wortlaut der Evangelien

hielt und keinerlei Zusätze duldete, woran man wieder den

einstigen Akatholiken erkannte, frisches Leben; aber die rohere

Geschmacklosigkeit der Zeit trat in der Heftigkeit der Ausführung

über die Grenzen der Schicklichkeit in Wort und Bild.

Auch diesen Werken haftete natürlich der polnische Charakter

an; bei Gawlowizki z. B. wird der zum Himmel aufsteigende

Christus von Gott Vater mit demselben Zeremoniell empfangen,

wie hier auf Erden der von weiter Reise heimkehrende Sohn im

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