Geschichte der polnischen Litteratur

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Geschichte der polnischen Litteratur

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Hetman, und zeigte dessen blutbespritzten Koller vom unseligen

Cecoratage und mahnte ihn stets an die einstige Pflicht. Dieser

Urenkel war Jan Sobieski, ein Löwe aus einem Geschlechte von

Löwen. Das war der eine Typus polnischer Oligarchen, wie er

sich in den Memoiren wiederspiegelte.

Anders waren die Radziwil, die Fürsten von des deutschen

Kaisers Gnaden, die statt dem Vaterlande, wie die Zolkiewski

und Sobieski, ihrer FamiUe, Interessen, Ehrgeiz dienten, in der

einzig überlebenden katholischen Linie ohne die Intelligenz und

Energie, welche den Oligarchen ziemt. Sie waren im 16. Jahrhundert

aufgekommen — jedes Jahrhundert polnisch-litauischer

Geschichte hatte seine eigenen Magnaten — durch ihre Verschwägerung

mit König Augustus, die beiden Cousins, der »rote«

(Bruder der Barbara) imd der »schwarze« Mikolay, Lutheraner

und Kalviner, beinahe noch Arianer, wenn der Tod diese Entwicklung

nicht unterbrochen hätte ; letzterer hatte für den neuen

Glauben Aufserordentliches geleistet, woran seine durch Skarga

wieder katholisch gewordenen Söhne nicht gern erinnert werden

mochten. Waren schon diese litterarisch thätig, so gab es in der

nächsten Generation einen Schriftsteller, der nicht nur seiner

Frömmigkeit folgend Asketika des Jesuiten Drexelius ins Polnische

übersetzte und andere selbst verfafste, sondern Memoiren seiner

Zeit hinterlassen hat; das Latein des litauischen Kanzlers

Albrecht Radziwil hat dann erst sein Nachkomme im 18. Jahrhundert

ins Polnische übersetzt. Sie waren aufserordentlich lehrreich

durch die Fülle authentischer Mitteilungen für drei Dezennien,

durch die Beleuchtung der Zeit und der Menschen, der

beginnenden Dekadenz; der Kanzler war erzkatholisch,

aber für

seine kalvinischen Cousins trat er im.mer ein, weil sie eben

Radziwils waren : sich selbst wird er ja zur Fastenzeit blutig

geifseln, aber Familienehre und Familieninteressen gingen auch

dem katholischen Glauben vor; er war ein Patriot, aber falls die

Einkünfte seiner Starosteien ihm geschmälert werden sollten,

wurde er zum heimlichsten und gefährlichsten Malkontenten;

er war leutselig, zugänglich, gutmütig, aber wehe, wenn sein

Stolz, Laune oder Wille sich verletzt fühlten; ein Egoist, Intrigant

und etwas Tartuffe.

Im Gegensatz zu dem zurückhaltenden, glatten, stets freundlichen

Magnaten, mit dem doch Kirschen zu essen höchst un-

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