Geschichte der polnischen Litteratur

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Geschichte der polnischen Litteratur

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seiner politischen Ideale, wurde, wo er seines Geizes halber

Labruyere als Typus gedient haben soll; kein Wunder, dals er

die Litteratur in den letzten dreifsig Jahren seines Lebens vollständig

aufgab, wenn nicht gerade Skandale in Magnatenfamilien

seine Epigramme oder Reueanwandlungen seine Bufsgedichte

herausforderten.

Hieronim Morstin brachte in seine Lyrika zu wenig Individuelles,

Persönliches herein; Geliebte und Stimmungen

wechselten , Ton und Bilder blieben dieselben. Interessanter

waren seine Sinn- und Gelegenheitsgedichte, z. B. zu allerlei

Familienfeiern, die durch sorgfältige Faktur, manchmal durch

launige oder gar satirische Lichter von den übrigen vorteilhaft

abstachen,

oder seine mythologischen Skizzen, mit der witzigen

Pointe am Schlufs, die den modernen Zeiten, ihren Männern und

Frauen galt. Die Produktion des Andrzey, weniger ausgiebig,

war ungleich interessanter, lebhafter, persönlicher; zwar waren

die italienischen Einflüsse noch viel greifbarer, wies doch schon

der Titel einer Sammlung, »Die Laute«, auf die »Lira« des

Marino; zwar verlor sich der Dichter gar zu gern in barocken

Einfällen und Spielereien, Antithesen, Spitzfindigkeiten, gesuchten

Gleichnissen, aber seine Feder war in ungeheuchelte Sinnlichkeit

getaucht; man atmete mit ihm die Glut des Sommers, die sein

Blut peitschte; man fühlte den Zauber, der ihn an die schöne

Verführerin fesselte ; man verfolgte mit Spannung die Peripetieen

seiner Liebschaft und freute sich vor allem der wohlgelungenen,

zierlichen Komplimente an die Hofdamen , mochten sie noch so

oft nur an ihre Namen anknüpfen. Neben beiden Morstins verdiente

dann besonders der junge Schlichting Aufmerksamkeit ; er

war zwar mehr Schüler der Ars amandi als der Italiener, aber

seine »Cupidos Schule«, die der Krakauer Bischof sofort auf den

Index setzte, ist ein so gefälliges Liebespoem, von der ersten,

zufälligen, schüchternen Begegnung an bis zur Störung des ersehntesten

Augenblickes durch die »Alte«, und seine übrigen

Erotika sind durch ganz volkstümliche Töne so eigenartig und

interessant, dafs man die Kürze seines Auftretens wohl bedauern

mag. Die Gedichte dieser drei Autoren mit denen vieler anderer

bilden in den Handschriften ein schwer entwirrbares Gemengsei

einen grofsen Raum nehmen auch Zoten ein-, die freilich mitunter

durch die gediegenste Ausführung und den prachtvollen

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