Geschichte der polnischen Litteratur

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Geschichte der polnischen Litteratur

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man brauchte ja dazu nur ein paar Starosten.

Interessanter waren

Instruktionen für Auslandsreisen, wie sie z, B. Jakob Sobieski

seinen Söhnen mitgab, die den gröfsten Respekt vor dem Ernst

und Wissen des Krakauer Kastellans abnötigen.

So ging das Jahrhundert zu Ende und mit ihm Polens

materielle, politische und kulturelle Bedeutung. In dem voll besetzten

Orchester, welches das angehende Jahrhundert gefeiert

hatte, war ein Instrument nach dem andern verstummt: brutal

zerbrochen war der Arianismus, der im Verhältnisse zur Zahl

seiner Bekenner die gröfste Summe von Bildung und Wissen

aufwies; Dissidenten, Kalviner wie Orthodoxe, schieden jetzt völlig

aus dem nationalen Wettbewerb ; die Bürgerschaft verkümmerte

die Bauern, aus deren Mitte noch im 16, Jahrhundert ein Janicius

hervorgegangen war, wurden zu Leibeigenen, und nur noch aus

den Bergen und Vorbergen rekrutierten sich Geistliche aus

Bauernsöhnen, die dann scharf, aber vergebens den Adel angriffen;

hatte bisher europäisches Wissen und Denken das nationale

befruchtet, so schlofs man sich immer hermetischer gegen

das Abendland ab; das Land, ganz wie Italien und namentlich

Spanien, hülste schwer die katholische Reaktion. Die klaffenden

Lücken blieben unausgefüllt , man empfand sie nicht einmal; die

Ausdehnung einer gleichmäfsigen adligen Kultur oder Unkultur

über das gewaltige Reich , die Verbreitung des Polnischen als

eines Kulturmittels über die politischen Grenzen Polens konnte

um so weniger einen Ersatz bieten, als gerade am Ende des Jahrhunderts

das Rufsland Peters des Grofsen mit einem gewaltigen

Ruck die polnische Bahn verliels und unmittelbaren Anschlufs an

Europa suchte und fand.

Die adlige Nation verlernte langsam Denken und Lesen;

schon die Geistlichkeit sorgte dafür, dals keine ihr unbequeme

Litteratur die apathische Stille unterbreche, gewitzigt durch die

Erfahrungen der Reformationszeit. Und beredt klagte Potozki,

der seine Werke nicht ihrer Censur preiszugeben wagte: »Verschlossen

ist jedes Mittel, zu sprechen, wie soll vor Menschenaugen

eine Schrift treten? Man verbrennt sie oder Motten zerfressen

sie im Winkel, und erschiene sie, sie würde einen

Wiederhall finden, wie eine Fliege oder Mundtrommel in Hyrkaniens

Wüsten.« Von einer Wirksamkeit der Litteratur konnte

demnach keine Rede mehr sein, und die Errungenschaften des

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