Geschichte der polnischen Litteratur

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Geschichte der polnischen Litteratur

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der Tradition, die beschränkte, aber einheitliche Weltauffassung,

die Einfachheit der Sitten und Moral, um Wissen und Aussehen

eines petit-maitre dafür einzutauschen; der polnische Geistliche

gewann in der Verwandlung zum französischen Abbe noch

weniger-, am besten fuhren noch die Frauen bei dieser »Emanzipation«,

bei diesem Abstreifen aller »Prejuges«; Spiel, Luxus und

Maitressen ruinierten die französierenden Männer noch gründlicher;

Lockerung der Sitten wurde immer allgemeiner. Sie

ging allerdings nicht, wie später dies der Fall war, von Warschau

aus. Bei dem Wachstum des Reiches nach Osten war das

exponierte, an der Südwestgrenze gelegene Krakau längst kein

richtiger Mittelpunkt mehr ; wie Moskau wurde nun auch Krakau

entthront; schon vSigismund III. hatte die königliche Hofhaltung

an den alten masowischen Fürstensitz, nach Warschau, verlegt.

Aber unter den Sachsen, die in Dresden viel weilten, oft nur an

die Grenze in Wschowa (Fraustadt) kamen zur Abhaltung der

»Senatuskonsulte«, bröckelte sich die Bedeutung der Hauptstadt

zu Gunsten der Magnatensitze ab.

Bis auf das langsame Eindringen des Französischen schien

vorläufig das geistige und litterarische Leben im alten Geleise

verbleiben zu sollen. Man schrieb weiter in den Edelhöfen an

den dicken Miscellanbänden ; einer von ihnen geriet sogar seltsamerweise

in Druck : der Wojewode von Smolensk , Niesiolowski,

gab ein solches Sammelsurium von fremden Excerpten

und eigenen, aber schlechten Konzepten 1747 heraus. Man

schöpfte Kenntnis von den Vorgängen in der Welt aus Korrespondenzen

und Relationen , z. B. des Thorner Postmeisters Rubinkowski,

der in zahlreichen und sorgfältig hergestellten Jahresbänden

— heute in der Petersburger Bibliothek — Flugschriften,

Verse, Briefe und Reden eintrug. Aber im Ernste kümmerte

man sich recht wenig um Europa. Zeitungen konnten noch

immer nicht recht prosperieren ; so gab der Königsberger polnische

Drucker Zenker, der Herausgeber der »Poczta Krolewiecka«

(»Königsberger Post«, erschien alle Sonnabende, acht

Seiten kleinen Formates), nach 2^2 Jahren (1718—1720) den

Kampf mit der Gleichgültigkeit des polnischen Publikums auf;

freilich brachte die »Post« mehr Anzeigen über Berliner Paraden

und preulsische Lotterien als über polnische Vorgänge (so

lautete z. B. einmal die ganze Korrespondenz aus Posen: »Bei

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