Geschichte der polnischen Litteratur

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Geschichte der polnischen Litteratur

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war die Absicht der belesenen, ja gelehrten Frau (ihre Bibliothek

von 2000 Autoren kannte sie ausgezeichnet), dafs auch die Polen

wie andere Völker den Glanz des Schauspiels besälsen. Sie war

nicht wählerisch und noch weniger zimperlich,

scheute Situationen,

Witze und Ausdrücke nicht, die mitunter auch in einer französischen

Posse von heute nicht wohl denkbar wären; die Zeit nahm an

dem unverhüllten Worte eben keinen Anstols; sie dramatisierte

das Urteil des Paris und die Entführung der Helena; Märchen,

von der Schönsten im Lande ; Legenden ; Motive aus den Sieben

Weisen; die Griseldis, und wagte es schon, Provinzschöne aufzuführen,

deren Köpfchen durch Romanlektüre verwirrt waren,

die angebetet, nicht geheiratet werden wollten, und wie sie dafür

gestraft wurden. An die »Einheiten« kehrte sich die Fürstin

natürlich

nie.

Litterarisch wertvoller waren die Versuche ihres Verwandten,

des gebildeten und belesenen Fürsten Udalryk Radziwil, Übersetzungen

der Medea und Umarbeitungen eines französischen

Äsop, mit köstlicher Nachahmung des Weifsrussischen, die allein

komische Wirkung sicherte ; dann die Übersetzungen des Minasowicz,

eines von Zaluski auf jegliche Weise protegierten Talentes,

sowie des Zaluski selbst Nachahmungen französischer Tragödien,

z. B. in seinem Witenes, dem ein Hostienwunder zu Grunde lag,

oder in seiner »bürgerlichen« Tragikomödie in fünf Aufzügen

(nach Diderot, »Bild menschlichen Elends«, 1768 herausgegeben,

als der Verfasser selbst im tiefsten Elend der russischen Verbannung

weilte), auf der dann das Libretto zur ersten polnischen

Oper beruhte. Diese Versuche, ohne Zusammenhang und Plan,

rein zufällig, sicherten keinen festen Boden einem polnischen

Theater; das Interesse des schwerfälligen Sachsen auf dem

polnischen Thron langte nur zu Opern mit italienischem Text,

die er sich und seinen Gästen den lieben langen Winter hintereinander

vorspielen liefs. Noch am Vorabende der Eröffnung

einer ständigen Bühne erschienen die ersten »originalen« Tragödien

und Komödien, die der Hetman Rzewuski unter dem Namen

seines Sohnes und dem Titel »Spielereien im polnischen Vers«

(1760) herausgab. Das Originelle bestand in der Wahl vaterländischer

Stoffe und in Reinheit und Sorgfalt des Ausdrucks;

der tragische Ausgang des Heldenjünglings bei Warna und des

Heldengreises bei Cecora wurden jedoch mit souveräner Ver-

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