Geschichte der polnischen Litteratur

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Geschichte der polnischen Litteratur

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wissenheit der Geistlichen, die oft Seneka für eine Matrone ausgäben,

den Horaz für einen Einsiedler, Epikurus für einen Papst ;

den Enoch habe Aman auf den spanischen Thron erhöht, Josua

sei von seinen Brüdern nach Rom verkauft worden u. dgl. Besonders

ausführlich und drastisch wurden die Damen und ihre

Verstöfse gegen eheliche Moral blofsgestellt , sowie ihre Putzsucht,

da die Modenärrin die Kleider und Farben nicht einmal

richtig zu benennen wufste. Die sehr lebhaft geschriebene, mit

Versen und Dialogen untermischte Satire brach unvermittelt ab,

Verzeihung für die Angriffe auf die Geistlichkeit erbittend, denn

der Verfasser war ein sehr religiöser Mann, den die offenbare

Irreligiosität des Sachsen (August IL), doppelt auffallend im Vergleiche

zur erbaulichen Andacht des früheren Königs (Sobieski),

besonders schmerzte. Diese Satire kursierte natürhch nur in

Abschriften und ist noch heute in Dresden, Petersburg u. s. w.

zu finden; bei einer anderen, gedruckten, erschrak schlielslich

der Verfasser selbst über diese seine Kühnheit und hätte die

natürlich anonyme Publikation am liebsten rückgängig gemacht,

Stan. Jablonowski, der »Dichter« des Telemak und Äsop, mit

seinem »Skrupel ohne Skrupel«, dem kürzesten, vernünftigsten

und verdienstlichsten aus dem ganzen litterarischen Nachlafs aller

Vielschreiber dieser Familie. Der Verfasser verstand darunter

Sachen,

über die man sich in Polen keinerlei Skrupel mehr mache,

so eingewurzelt wären sie, die Bestechlichkeit, der Mifsbrauch des

Veto, die Pflichtvergessenheit der Offiziere, die scharfen Zungen

des Adels (die den unschuldigen Magnaten »taxierten«) u. dgl.

Aus Vorsicht brauchte der Verfasser den Kunstgriff, den schon

Opalinski einmal angewendet hatte, sich selbst aller dieser Vergehen

mit schuldig zu machen, damit man nur den Tadel ertrage.

Beide Satiren waren mit grofser Lebhaftigkeit und Anschaulichkeit

geschrieben, zumal der »Skrupel« reich an treffenden Anekdoten.

Unter Schriften, welche für Reformen eintraten, waren die

bedeutsamsten die des Königs Leszczynski und die seines

einstigen

Parteigängers, des Piaristen Konarski. Wer könnte in dem öden

Versifikator der endlosen Fontaineschen Prosa den geistreichen,

überlegenen Politiker wieder erkennen, den Verfasser der »Freien

die Freiheit sichernden Stimme« ? Während bei den Schriftstellern

des 17. Jahrhunderts einem reinen, kräftigen, fliefsenden

Vers eine schwerfällig unbehilfliche Prosa entgegentrat, fand hier

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