Geschichte der polnischen Litteratur

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Geschichte der polnischen Litteratur

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wesentlich modifiziertes Unterrichtsprogramm und Methode durchzuführen

;

nicht mehr absorbierte das Latein alle Kraft und Zeit,

nicht mehr sollte der Unterricht reine Gedächtnissache bleiben,

nicht mehr sollten Hauptfächer wie Geschichte, Geographie,

Französisch nebenbei nur gelehrt werden, über den Unterricht

sollte nicht mehr eine Ausbildung des Körpers vernachlässigt

werden. Dem Unterrichte wurden jetzt höhere Ziele gesteckt;

es sollten nicht Latinisten, sondern Bürger eines freien Staates

herangezogen werden , und diesem Zwecke wurden sogar die

schriftlichen Exercitien, sogar die dramatischen Schulaufführungen

dienstbar gemacht, die patriotisch-politische Themen und Motive

berührten. Die Reform leuchtete ein, und seinem Vorgange

accomodierten sogar die Jesuiten ihren Lehrplan. Rascher gelang

es Konarski, wenigstens in den Augen der Verständigen

den alten ungeheuerlichen Stil und die Fehler der polnischen

Beredsamkeit hinfort unmöglich zu machen; er gebrauchte den

erprobten Kunstgriff, meist an seinen Jugendpanegyriken das Unpassende,

Unwahre, Lächerliche dieser Stilroheiten

nachzuweisen;

ein Verstandesmensch, verlangte er später vor allem richtiges

Denken als Gewähr für richtiges Sprechen.

Als Politiker war er ebenfalls kein Neuling, hatte bereits

verschiedene erfolgreiche Broschüren verfafst — er bediente sich

der Anschaulichkeit wegen oft der dialogischen Form — und

ein verdienstvolles grofses Werk angeregt und angelegt: die

Sammlung aller Landesgesetze und Konstitutionen in den Volumina

Legum. Nun war seit Menschengedenken kein Reichstag

mehr zu stände gekommen, und allgemeiner wurde die Befürchtung,

dafs schon dies Polen zum Untergange oder zum Verlust

seiner goldenen Freiheit werde führen müssen; es gab Schriften,

z. B. die »Gedanken in den gegenwärtigen Umständen der

Republik Polen« (1756), welche als einziges Mittel, als Panacee

aller möglichen Schäden das Zustandekommen nur eines einzigen

Reichstages ausgaben und verlangten; sogar Rzewuski hatte in

seiner Komödie »Der Sonderling« Polen höchlich loben und nur

das stete Zerreifsen der Reichstage tief beklagen lassen, welches

fortgesetzt unfehlbar zum Verschwinden der Reichstage und damit

auch aller Rechte führen müsse. Aber so lange das

Liberum Veto des Einzelnen bestand , war an ein sicheres Zustandekommen

der Session gar nicht zu denken; dieses Grund-

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