Geschichte der polnischen Litteratur

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Geschichte der polnischen Litteratur

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eine gewandte Feder, und wo ihn rechtliche Argumente oder

Dokumente im Stiche zu lassen drohten, half mitunter ein

Carmen gratulatorium aus- freiHch konnte man sich nicht wundem,

dafs er auch zu Satiren griff imd im strengsten Geheimnis

natürlich Boileau und Horaz nicht nur trefflich übersetzte, sondern

auch der Zeit accodomierte: die Übersetzung durfte aber

erst nach seinem Tode erscheinen (1784), und auch da mufste

noch manches ausgemerzt werden, z. B. die Philippika gegen die

Czartor)'ski , die über die gemeine Adelsgleichheit sich erheben

wollen, wäre es auch mit Hilfe der Nachbarreiche, die Könige

sein und die Adelsrechte kürzen wollen, imi für immer alle

Macht ihrem eigenen Hause zu sichern. Nicht umsonst klagte

nämlich der Verfasser, dafs »bei uns die Redefreiheit geringer

wäre als im Rom der Cäsaren, wo man nur einen Kaiser beleidigen

konnte, während wir bei

unserer angeblichen Freiheit soviel

rachsüchtige Tyrannen als reiche und mächtige Herren haben.«

Seine Übersetzung der Satiren atmete noch den ganzen Ton der

altpolnischen, saftigen, kräftigen Diktion.

Während Matuszewicz nur von sich und seinen Anstrengungen

erzählte , hat ein jüngerer Zeitgenosse nach langen Jahren , als

die gute alte Sachsenzeit längst und für immer begraben war,

in seiner Sehnsucht nach ihr, wo alles so ruhig, billig und bequem

dahinlebte, eine umständliche Schilderung des privaten und

öffentlichen Lebens, in der Familie und Schule, in Kirche und

Kloster, im Heer und Tribunal hinterlassen. Der Pfarrer Andreas

Kitowicz (1728— 1809, Geistlicher erst in späteren Jahren)

war dieser überzeugte laudator temporis acti; er wufste zwar,

dafs litterarischer Wert seinen vielerlei Aufzeichnungen völlig

fehlte, aber dafs sie vieles enthielten, das, der neueren Generation

fremd, von Schriftstellern nicht berührt wurde; daher der kulturhistorische

Wert seines »Über polnische Sitten« überschriebenen,

unvollständig erhaltenen Werkes, das im 19. Jahrhundert als

authentische \md genaue Schilderung mehrere Auflagen erlebte.

Die sächsische Periode endigte scheinbar in einem vollständigen

Marasmus. Die adlige Masse schien in ihrer Apathie

höheren Interessen bereits völlig unzugänglich; eingelullt in den

Traimi von der »goldenen Freiheit«, hatte sie nur das Interesse,

den gegenwärtigen Zustand unversehrt zu erhalten, duldete

keine Reformen, nicht einmal Kritik des Bestehenden. Und die

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