Geschichte der polnischen Litteratur

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Geschichte der polnischen Litteratur

dem Unverstand der trägen,

Übelwollen des

Auslandes.

Eines einheitlichen,

— 225 —

konservativen Massen, wie an dem

energischen, planvollen Handelns war die

Nation vollständig und für immer entwöhnt ; nicht umsonst hatte

man durch Jahrhunderte egoistische Interessen auf Kosten der

staatlichen gepflegt, der Zucht, Gehorsam gegen Gesetze, Ordnung

entsagt. Mit der Anarchie der Gemüter im Innern paarte

sich nach aufsen vollständige Wehrlosigkeit, welche den Nachbarn

Polen als sichere, gefahrlose und reiche Beute verbürgte. Der

Adel war kriegsuntüchtig und kriegsunerfahren; die persönliche

Tapferkeit des Einzelnen versagte ja vollständig in den ungeübten,

hilfslos unbeweglichen Massen; es gab keine Festungen oder

Lager, es fehlte jede Artillerie, das kleine stehende Heer war

nur zum Beziehen der Wache und Assistenz bei Feiern geeignet.

Vernachlässigt waren auch die materiellen Hilfsmittel

des Landes, seine Finanzen im Verhältnis zur Gröfse des Landes

und der Ausgaben unzureichend ; alle Hoffnungen waren schliefslich

darauf gesetzt, dals die gegenseitige Eifersucht der benachbarten

»Potenzien« den Bestand der Republik garantieren

würde, als ob diese Mächte im eigensten Interesse sich nicht

würden einigen können; zudem vertrösteten politische Unerfahrenheit,

Leichtgläubigkeit, der angeborene Optimismus und die Bestimmbarkeit,

auf Sukkurse, aus Schweden und der Türkei, die

ja in gleicher Lage wie Polen erschienen, aus Frankreich, dessen

politische Traditionen ein unabhängiges Polen zu gewährleisten

schienen, aus Preufsen, wenn wechselnde politische Konstellationen

ein Zusammengehen gegen Rufsland oder Österreich zu sichern

schienen, aus Rufsland, indem man an die Gemeinschaft slavischer

Abstammung, an die gemeinsame Abwehr deutscher Invasion zu

appellieren gedachte. So halt- und einsichtslos schwankte die

Nation, die einmal wieder darauf baute, dafs den Ruhe Haltenden

niemand belästigen dürfte, als ob die äsopische Fabel vom

Lamm und Wolf nie geschrieben wäre; ein andermal mit slavischer

Resignation und Apathie hinnahm, was das Schicksal

bestimmte ; dann wieder in hastiger Eile alles unternahm , was

Rettung zu verheifsen schien, auch dabei Zeit und Worte vergeudete,

nie dem Ernste des Augenblickes entsprach, immer

dasjenige vorwegnahm, was erst später, erst am Ende zu berücksichtigen

gewesen wäre, sich mit Phrasen bethörte und betäubte,

Brückner, Geschichte der polnischen Littf^ratur. 15

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