Geschichte der polnischen Litteratur

scans.library.utoronto.ca

Geschichte der polnischen Litteratur

— 250 —

Poesie förmlich zurückkehrte, als er zu einer neuen Umdichtung

des Psalters sich anschickte. Aber war es schon im 17. Jahrhundert

Rybinski nicht gelungen, trotz einer stattlichen Reihe

von Auflagen, die seine Davidischen Psalmen unter seinen kalvinischen

Glaubensbrüdern erlebten , über die konfessionellen

Schranken hinaus mit Kochanowski zu wetteifern,

so gelang dies

noch weniger Karpinski, der die majestätische Würde und herbe

Schönheit des Vorbildes zu erreichen zu matt war ; besser traf er den

Ton naiven Glaubens in einigen Liedern, die zu den beliebtesten

und verbreitetsten Kirchenliedern wurden (»Alles unser täglich

Schaffen«. »Wenn die Morgenröte steiget« u. a.). Seinen eigentlichen

Ruf begründeten weder die Kopie einer Phädratragödie, seine

»Judith«, die ihrem Stiefsohne Boleslaw, dem nachherigen Fürsten,

vergebens in Liebe und Hafs nachstellt, noch eine Aufklärungskomödie

»Pacht«, mit Darstellung der Bauernlage, sondern seine

Idyllen, Elegien und Lieder. Der Dichter, der selbst in seinem

Leben mehrfach, stets unglücklich geliebt hat, hat zuerst

erotische Poesie zur Geltung gebracht. Diese war während der

asketischen Periode und des rohen Sachsentreibens fast ganz

verschwunden • die derbe, aber gesunde Sinnlichkeit der Schlichting

und Morstin hatte Folge und Entwicklung nicht gekannt. Die

Gesellschaft hatte gar kein Verständnis für die Pflege dieses

sündhaften Gefühls; man kannte die Liebe nur in der Ehe, und

auch da hütete man sich, seine Gefühle der Öffentlichkeit preiszugeben,

man hätte nur Anstofs oder Gelächter erregt; zufällig

nur, aus einem Citat, erfährt man, dafs ein Krasinski seiner

»Rosa« Tausende von Versen widmete, oder dafs eine Radziwil

sehnsüchtige »Herolden« an den entfernten Gemahl richtete.

Heimlich, in dünnen Heftchen, schrieb etwa die Jugend ältere

Liebeslieder ab, dichtete nach ihrem Muster neue, bediente sich

dabei der Motive der Volkspoesie, aber man merkt das Gemachte,

Konventionelle dieser ganz trivialen und banalen Liebeslyrik,

deren besten Teil noch die Tanzlieder ausmachten, die »Tänze,

Paduane und Ballette'^ , »französische Kuranten« u. dgl. Von

einem Raffinement des Gefühls war nie die Rede : der Geliebten

drohte immer die Gefahr des Verlassen- und Verlachtwerdens;

der Geliebte bedauerte die mit Undank belohnten »Dienste«,

aber verzweifelte nie, denn was die Eine verschmäht, wird eine

Andere besser zu schätzen wissen: ein lebender Kopf erwirbt ja

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine