Geschichte der polnischen Litteratur

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Geschichte der polnischen Litteratur

SIEBENTES KAPITEL.

Pseudo-Klassik.

Ins neue Jahrhundert war die Nation mit allen äufserlichen

Anzeichen vollständiger Auflösung eingetreten. Ihr bisheriger

ausschliefslicher Repräsentant, der Adel, schien seine Vaterlandslosigkeit

mit stoischer Ruhe hinzunehmen, wirtschaftete auf seinen

Gütern, wie der Podstoli des Krasizki, oder, in der Mehrzahl der

Fälle, genofs in den Hauptstädten das Leben in vollen Zügen;

Lemberg und Warschau namentlich, wo Fürst Joseph Poniatowski,

der Neffe des Königs, den Ton der goldenen Jugend vom »Blechpalast'-

her angab, sahen niemals wieder solche Zeiten frivolster

Ausgelassenheit, eines Taumels von Vergnügungen und Kurzweil.

Jeder hatte jetzt sein neues »Vaterlande , manche deren

sogar mehrere, als sujets mixtes, und besonders erfreute sich der

frischgebackene

Südpreufse und Neupreufse am fidelsten Treiben,

gewährten doch die Berliner Institute Kredit nach Herzensbegehr,

schien sonst alles beim alten bleiben zu sollen. So vertollte

man in Saus und Braus die Tage und bildete sich der

TjTJus des »polnischen Grafen«, der dann noch jahrzehntelang

der gesuchteste und beliebteste Gast in allen Bade- und Spielorten

wurde; der gedankenlose und frevelhafte, aber angeborene

Leichtsinn fand wenigstens darin eine Art von Entschuldigung,

ja förmlicher Begründung , dafs jede civile und militärische

Carriere dem Polen meist verschlossen blieb; dafs nicht jeder in

der Beaufsichtigung der Mistfuhren und Zählung der Getreidehaufen

seinen einzigen Beruf erkennen mochte; dafs somit diese

erzwungene, aufgedrängte Ünthätigkeit eine ernstere Lebensauf-

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