Geschichte der polnischen Litteratur

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Geschichte der polnischen Litteratur

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Werk, das ihn am populärsten machte. Das grofse Geschichtswerk

des Naruschewicz war ja ein Torso geblieben, eine der

ersten Aufgaben der Gesellschaft war nun, dasselbe fortzusetzen:

man verteilte die einzelnen Herrscher oder Perioden untereinander,

und auch Niemzewicz übernahm die Geschichte Sigismunds III.

und führte sie aus (1819, in drei Bänden). Aber für ihn war es

wichtiger, statt endloser Einzelmonographien die erhebendsten,

rührendsten Momente dieser glänzenden Vergangenheit den

weitesten Kreisen vorzuführen, Liebe und Ehrfurcht dafür zu

wecken, den Schatz dieser Geschichte in leicht gangbarer Münze

auszuprägen. Als Amerikaner Kenner der englischen Litteratur,

hatte er zuerst die Form der historischen Ballade im Polnischen

nachgeahmt und wollte nun die markantesten Punkte polnischer

Geschichte in sangbaren Liedern darstellen; der Kommentar zu

ihnen gab dann förmlich eine kurze Landesgeschichte. So entstanden,

zumal während der Dresdener Kanonade von 1813, seine

»Historischen Sänge« (1816, in vielen Auflagen verbreitet), wie

»Israels Volk an den Ufern Babylons des Jordan gedachte und

in seinen heiligen Liedern vom Vaterlande, von der Vorfahren

Thaten sang«; sie behandelten die Geschichte von der Piastwahl

bis zum Wiener Entsätze. Die Lieder waren in der Ausführung

etwas monoton, die Könige und Helden glichen sich fast alle;

die Phantasie war ausgeschlossen, d. h. der Dichter erlaubte sich

keine wesentlichen Änderungen ; statt tiefen Gefühls gab es matte

Sentimentalität, und an historisches Kolorit dachte der Dichter

so wenig wie sein Illustrator, der in römisch stilisierten Hallen

und Waffen dieselben konventionellen Typen vorführte. Die naive

Zeit Stiels sich nicht daran, nahm das Werk, in dem die früheren,

aufserhalb dieses Rahmens geschriebenen Sänge durch lebhaftere,

individuellere E^ärbung leicht kenntlich waren, mit Begeistenmg

auf; es fand Nachahmer über Polens Grenzen, so z. B. bei dem

Dekabristen Rylejew, dem Freunde von Mizkiewicz und dem Gehängten

von 1826, der in ähnlicher Weise russische Geschichte

für Empfehlung von Bürgertugenden ausbeutete, ohne historischen

Ton und Charakteristik des Individuellen schärfer zu treffen. Der

durch alle diese Arbeiten stark genährte historische Sinn des

Dichters bethätigte sich dann in doppelter Richtung: einmal eröffnete

der Dichter-Historiker die Reihe der Sammler und Herausgeber

historischer Denkmäler aller Art, Reisebeschreibungen,

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