Geschichte der polnischen Litteratur

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Geschichte der polnischen Litteratur

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Kolontay, der sie an Talent und originalen Gedanken übertraf,

der jedoch nach dem Falle Kosziuschkos, dessen Mitregent er

gewesen, seine Carriere ausgespielt hatte, und nachdem er endlich

das österreichische Gefängnis verlassen hatte (wo er Gedichte

und philosophische Schriften verfafste), war er, mit

geringem sich nicht bescheidend, zur Unthätigkeit gezwungen: die

rege Korrespondenz, z. B. mit Czazki, grofse, leider unvollendete

und erst spät nach seinem Tode herausgegebene Arbeiten, z. B. über

den Stand der Aufklärung in Polen (unter Stanislaw August,

doch behandelte das Werk in trefflicher Charakteristik und mit

einer Fülle von Details nur die Ausläufer der sächsischen Zeit),

philosophische Werke mit originellen Gedanken bewiesen die

Macht dieses Talentes.

Endlich wurde auch in Warschau das

noch aus preufsischer

Zeit stammende Lyceum zu einer Universität vervollständigt

(1817); hier lehrten Bentkowski, der Lexikograph Linde, der

Rechtsgelehrte Jan Bandtke, der, Czazkis Studien fortsetzend,

wichtige alte Quellen publizierte; hier las Ludwik Osinski, der

Theaterdirektor, Dramaturg und Kritiker, über vergleichende

Litteraturgeschichte unter aufserordentlichem Zulauf,

durch seinen

deklamatorischen Vortrag glänzend, in der Theorie über Regeln

und Nachahmung sich hinwegsetzend, in der Praxis an beides

gebunden. In Warschau wirkte auch , an der Universität allerdings

nur vorübergehend thätig, der Begründer der neueren

polnischen Geschichtswissenschaft, ein Mann von erstaunlichem

Wissen, eisernem Fleifs, spartanischer Einfachheit, katonischer

Sittenstrenge, Joachim Lelewel, der im Lyceum von Krzemieniez

und besonders an der Universität Wilno, ihr einstiger Schüler

und zeitweiliger Lehrer, den Geschichtsunterricht zum erstenmal

in modernem Geiste leitete , der , ebenso in der Edda wie in

arabischen Schriftstellern, in antiken Geographen wie in mittelalterlichen

Chroniken, in der Geschichte selbst wie in allen

ihren Hilfswissenschaften (Numismatik u. s. w.) bewandert, ganz

in polnischem Geiste alles Wissen auf die Erforschung der heimischen

Geschichte planvoll anwandte , nach Naruschewicz zum

erstenmal in tiefeindringender Forschung eine Menge Vorfragen

behandelte ; ein fortschrittlich gesinnter, schliefslich als Jakobiner

verschrieener Mann ; ein Gelehrter, der sich von seinen in schwerfälliger

Sprache geschriebenen Einzelforschungen loslösen und

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