Geschichte der polnischen Litteratur

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Geschichte der polnischen Litteratur

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Individuen. Schon die Namen deuteten, jede Diskretion aufser

acht lassend, was da auftreten wird: Herr Antenazki (Ahnenstolz),

der einzige Wucherer Flicklein, Herr Feinschmecker, Herr

Brummbär, der Parvenü Geldhab, ein Deutscher aus Freistadt

u. s. w., — diese Etiketten schlössen jeden Zweifel aus.

Diese

Persönlichkeiten standen nun so sehr im Mittelpunkt , dafs die

Nebenpersonen darüber vernachlässigt und ganz flüchtig,

Schablonenweise eingeführt wurden; es wiederholten sich dieselben

Liebhaber, Fräulein u. s. w., öfters sogar mit denselben

Namen, — nur selten wurde auch eine Nebenfigur mit einigen

wenigen Worten scharf charakterisiert, so der Kappellan in

»Damen und Husaren«, der mit seinem ewigen »Es schickt sich

nicht, schickt sich nicht« an den berühmten Podbipienta des

Sienkiewicz erinnert. Und doch mufste die Gewohnheit des

Dichters, zweierlei Verliebte, Geizhälse u. s. w. zugleich auf die

Bühne zu bringen, ihn zu einer Herausarbeitung des Individuelleren

drängen.

Theoretisch war er sich vollkommen bewufst, dafs es »mit

der Moliereschen Komödie vorüber ist (sagte im »Herr Jowialski«

der Dichter Ludmir): die Bildung schon hat die höhere Gesellschaft

— in dieser bewegte sich fast ausschliefslich Fredro —

mit dichtem Firnifs überzogen, alle Charaktere haben einerlei

Äufseres, es giebt keine scharfen Konturen; die Rücksicht auf

die Welt und ihre Meinung treibt jeden, auch der Geizhals

spendet reichliches Almosen, wenn es nur die Welt sieht. In

jedem stecken zwei Menschen, die Scenen müfsten immer doppelt

sein, wie Medaillen zwei Seiten haben«. In Praxi blieb es

jedoch bei den Typen statt der Individuen, obwohl auch hier ein

Fortschritt nicht verkannt werden kann. Über einzelnem liegt

heute dicker Staub; so könnten die Damen mit ihrer Sentimentalität

ganz unnatürlich vorkommen, wenn man nicht wüfste^

von unbefangenen Zeugen, wie lästig-aufdringliche Sentimentalität

den Zöglingen der Genlis und Cotton eigen war, wie die heute

unmöglich dünkenden Phrasen damals gang und gäbe waren.

Anderes ist scheinbar veraltet, in Wirklichkeit ausgestorben, der

gutmütige Jowialski mit seinen unerschöpflichen Sprichwörtern

und Anekdoten, Verkörperung altpolnischen, nicht wählerischen

Humors, und seine Gattin, die zimperlich wie eine alte Jungfer

zu ihrem Herrn mit Bewunderung aufblickt. Oder die Gestalten

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