Geschichte der polnischen Litteratur

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Geschichte der polnischen Litteratur

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Händen jegliche Führung des nationalen Lebens, aufser in

Schlesien oder Preufsen, wo sie allein unter dem Landvolke eine

geistige Macht darstellten; sonst jedoch emancipierten sich

Litteratur und Unterricht von ihrem einstigen geistlichen Gängelbande

völlig. Ebensowenig verschonte der Umschwung der Zeit

das Mäcenatentum ; die Stelle des Königs nahm jetzt das grofse

Publikum ein; sogar mit der feierlichsten Ruhmesode wandte

man sich nicht mehr an den Einzelnen, und die Stimme des

Recensenten, des Beraters dieses Publikums, mufste immer einflufsreicher

werden , mochte auch Fredro noch spotten über die

da andere schreiben lehren, ehe sie es selbst gelernt. Das

Mäcenatentum beschränkte sich jetzt darauf, dafs die Czartoryski,

Zamoyski, Dzialj-nski, Raczynski u. s. w. Sammlungen anlegten

oder fortsetzten, für welche sie etwa Bibliothekare nötig hatten,

und Publikationen ins Leben riefen oder unterstützten, für welche

sich sonst kein Verleger gefunden hätte. Nim gab es keine

Ämter oder Pfarren und geistliche Benefizien, keine Orden und

Medaillen zu vergeben; der Schriftsteller wandte sich nur an

das Publikum, im Buche oder auf der Bühne ; seine Kunst wurde

demokratisch, rascher als anderswo, als in Rufsland z. B., wo

Katharina und Nikolaus die Litteraten stützten und förderten,

falls sie sie nicht gerade hängen liefsen, wo Shukowskij noch in

den zwanziger Jahren »für Wenige«, d.i. für den Hof, schreiben

konnte, wo man von dem Kammerjunker oder vom Minister

erwarten konnte, dafs er Warschaus Fall besingen werde. So

lernte polnische Litteratur, vom Staate nicht gefördert, bald nach

Möglichkeit gehindert, rasche Selbständigkeit.

Langsam bereitete sich eine andere Umwälzung vor. Bisher

war die Litteratur vom Adel allein vertreten, vom dritten Stande

nur ausnahmsweise, zuletzt durch Staschiz; mit dem Erstarken

der Städte, mit der Hebung ihres Wohlstandes schon seit den

Kommissionen boni ordinis unter König Stanislaw, mit der stetigen

Polonisierung neuer fremder Elemente, die von der werbenden Kraft

der polnischen gesellschaftlichen Kultur das glänzendste Zeugnis

ablegte — wie oft machten die Söhne oder Töchter der grimmigsten

v Polenfresser«: die polnische Sache zu der ihrigen I —

drangen bürgerliche Elemente in die Publizistik, Litteratur und

Wissenschaft ein. Die sociale Stellung des polnischen Adels, die

grofse Zahl der Minder- oder Nichtbegüterten näherte seine

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