Geschichte der polnischen Litteratur

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Geschichte der polnischen Litteratur

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nach Polen gesandt (! I) , wuchs sie auf dem Fürstenhofe mit

ihrem künftigen Gemahl auf , aber als die Holde das Brautgemach

betrat, erflehte sie, wie einst der heilige Alexius von

seiner Frau, die Wahrung ihrer Keuschheit für ein Jahr, dann

für ein zweites, endlich für ein drittes. Und es murrte bereits

der Fürst und sein Volk, und die junge Fürstin verzagte: sie

hatte ja der Jungfrau ihre Keuschheit geopfert und Johannes den

Täufer innigst angerufen. Da erschien er ihr im Traume und

tröstete sie, es werde ihr selbst der Fürst an der Kirchenthür

begegnen und sich mit ihr aussöhnen und selbst Hüter ihrer

Keuschheit werden. Und so geschah es, und die Erinnerung an

diesen 24. Juni 1242 ist noch heute lebendig, denn in der

zweiten Strophe der polnischen Kirchenh5'mne wendet sich die

heilige Kinga an den Gottsohn und bittet ihn, »um seines

Täufers willen zu erhören die Stimmen und zu erfüllen den Sinn

der Menschen« , wie es ihr selbst durch den Täufer zu teil geworden

war. Als Keusche lebte sie nun auf dem Krakauer

Schlosse mit ihrem keuschen Gemahl, und kaum hatte er die

Augen geschlossen, wurde sie, trotz aller Beschwörungen und Bitten,

Nonne, eine Klarissin, wie ihre Schwägerin Salomea, wie ihre

Schwestern Jolant (Helena) und Konstanzia; schon als Nonne eingekleidet,

gab sie ihrem Manne das letzte Geleit und schlofs sich

dann in ihrem alten Soncz ein ; in dem hier neu gebauten Kloster

scharten sich um sie edle Frauen und Fürstinnen, deren schwärmerische

Andacht sich nicht auf die Dauer mit dem Latein der Gebete

und Gesänge begnügen konnte, mochten auch die Kleriker das

Beginnen der Frauen in ihrer hochmütigen Ausschliefslichkeit

scheel betrachten. So entstand in dem Klarissinnenkloster zu

Altsoncz die polnische Übersetzung des Psalters — je zehn

Psalmen sagte ja Kinga täglich beim Verlassen der Kirche in

der Landessprache her; so entstanden hier die ältesten frommen

Lieder, das »Sant Marei, Muoter unde Maid« und »Maria, reine

Jungfrau«.

Der Lais von der Gottesgebärerin,

die Bogurodziza, mit ihren

beiden Strophen an den »Herrn« und »Gottessohn«, durch Fürbitte

seiner Mutter und seines Täufers, verbreitete sich rasch

aus dem Kloster über ganz Polen. Hatte seine Ritterschaft

noch 1249 mit dem blofsen Klang des Kyrie eleison die Russen

angegriffen, so wurde die Bogurodziza schon in der Völker-

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