Geschichte der polnischen Litteratur

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Geschichte der polnischen Litteratur

deutschen

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Regierungen und Schulen der Pole von der deutschen

Litteratur erst über Paris,

erst aus dem Buche der Frau von Stael

etwas erfuhr. Die Stanislaische Epoche kannte Goethe und

Schiller gar nicht; sie verehrte und ahmte etwa Gefsner nach,

den sie fleifsig übersetzte, seit 1768 (z. B. den »Tod Abels«

mehrfach), kannte von Gottsched nur die Grammatik (in lateinischer

und polnischer Übersetzung, — auch sein philosophisches

Werk erschien zur Einführung der philosophia recentiorum in

polnischer Übersetzung), lasGellerts Fabeln und Briefe im Original

(bei der Gottschedschen Grammatik), ebenso Lessings Fabeln,

übersetzte

einen und den anderen deutschen Roman (z. B. wieder

Geliert) , aber in dem klassisch - französischen Strome ging dies

alles unter. Eher waren es ökonomische, agronomische, medizinische

Specialwerke, die freilich nicht aus litterarischen Gründen

gröfsere Verbreitung und Bedeutung erhielten. Nur auf dem

Theater grassierte ein Kotzebue für das Sonntagspublikum. Und

so wurde man erst nach Decennien durch die Französin auf die

neuere Litteratur der Deutschen aufmerksam, begann Schiller zu

übersetzen, Schlegel zu lesen und schliefslich sogar Kant (und

Schelling) zu studieren; schon 1805 empfahl Schaniawski ihr

Studium als das geeignetste zur Erlangung und Festigung geistiger

Unabhängigkeit, Selbständigkeit.

Während breiteren Kreisen erst Franzosen deutsches Geistesleben

vermittelten, waren einzelne Polen, zumal die Zöglinge

österreichischer Schulen, mit der deutschen Litteratur vertrauter

geworden; so verehrte bereits Fredro den idealistischen Dichter,

und vor ihm schon die beiden Brudzinski. Der ältere von ihnen,

Andrzey, der Übersetzer der »Jungfrau von Orleans«, schlofs in

Krakau mit Winzenz Reklewski u. a. einen Freundschaftsbund,

den gleiches Alter, dieselben patriotischen Gefühle und verwandte

litterarische Neigimgen festigten; es waren ja napoleonische

Soldaten, der eine starb in Moskau, andere fielen vor Raschyn

oder an der Beresina; Idyllendichter, die in ihren »Dorfgedichten«

oder »Unterhaltungen in Vers und Prosa« Krakauer

Land und Leute besangen, noch Haller, Gefsner, Kleist nachahmten,

aber bereits mit stärkerem heimischem Kolorit, mit

nationalen Namen und Zügen. Der bedeutendste wurde der

jüngste dieser Gruppe, Kasimir Brodzinski, Soldat unter Reklewski

und Gefangener von Leipzig, dann in Warschau Lehrer, bis er

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