Geschichte der polnischen Litteratur

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Geschichte der polnischen Litteratur

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besonders das nachzuahmen, was ihnen am fernsten liegt, —

als verdienten die Slaven namentlich in ihrem Geistesleben den

Sinn, den Fremde an ihren Namen — Sklaven — knüpften.

Diese idyllische, gezierte, einseitige Auffassung des Slaventums

war dem Panslavisten Brudzinski eigen. In einem seiner

Briefe über polnische Litteratur hob er nach einem langen Citat

aus Herders »Ideen zur Geschichte der Menschheit« hervor, wie

die Grabhügel, verstreut über die weiten Gefilde slavischer

Länder, rührendere, aufrichtigere Gefühle erweckten als Trümmer

römischer Bauten ; berühmter sei die Arena mit ihren Triumphen

und Spielen, aber mehr sprächen das Herz an die religiösen

und Familienfeste der Slaven; in mit Empörung gemischtes

Staunen versetze uns das Rittertum, diese Nacht Europas, mit

seinen irrenden Abenteurern, aber in liebliches Fühlen das ruhige,

ackerbauende Volk der Slaven, das sich nie mit dem Schwerte

des Fanatismus und der Eroberung gewaffnet hätte; ja, schon

die Mythologie der alten Slaven im Vergleiche zu den bluttriefenden

nordischen Gebilden zeige, wie höher, sanfter, civilisierter

die Grundsätze der Slaven gewesen. Nicht umsonst

spottete nach einigen Jahren Mizkiewicz des sentimentalen

Dichters, den er sagen liefs, unser Volk rühme sich der Einfachheit

,

der Gastfreundschaft , liebe nicht schreckliche

,

gewaltsame

Scenen . . . wir Slaven lieben die Idyllen. Deutlich wahrzunehmen

war der Einfluis der panslavistischen Poesie eines Kollar,

so in seinem »Weilen auf den Karpathenbergen«, die er in einer

Mondnacht anredete, die weitarmigen Hüter einst slavischer

Erde, wo er in ossianischen Nebeln die Schatten der Ahnen aufsteigen

sah und den Gesang des »Barden« Bojan erklingen hörte,

in dem dieser klagte über das Verstummen slavischer Sprache,

Verwischen slavischer Sitten über so viele Länder hin: nur der

weite Norden und Osten hätte erhalten die verbrüderte Sprache

und die Merkmale des Stammes.

Mit diesen slavophilen Sympathien vereinte er die einzige

Leidenschaft seines Lebens, seinen Patriotismus, der ohne jegliche

Exaltation, dafür desto inniger und aufrichtiger w-ar. Auch

in Ausoniens lachenden Gefilden und unter seinen fröhlichen

Menschen hatte sich Brodzinski nach seinem Norden zurückgesehnt,

wo man das Vaterland mit desto gröfserer Rührung

liebe, je karger die Natur sein Geschlecht ausstatte . . . mit

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