Geschichte der polnischen Litteratur

scans.library.utoronto.ca

Geschichte der polnischen Litteratur

— 388 —

Borniertheit des satten und selbstzufriedenen Pöbels. Illusionen

machte sich somit der Emiss.är nicht, auch dann nicht, als er

seine demokratischen, irreligiösen, materialistischen Prinzipien

aufgab und eingefleischter Towianist wurde, nicht aus Neigung

zu religiöser und patriotischer Träumerei — dem Manne der That

war jede Träumerei verhafst und galt ihm als schädlich —

sondern nach moralischer Erhebung und Vervollkommnung

strebend, in Polen keinen »Messias« der Völker verehrend, vom

Dichter das strenge Leben nach moralisch-asketischen Grundsätzen

verlangend, das er selbst übte ; obwohl er litterarisch thätig blieb

— den Towianisten lockte sogar das Libretto Robert des Teufels —

publizierte er fast nicht mehr.

Anders Bohdan Zaleski, der sich ebensowenig, trotz aller

Enttäuschungen, von seiner poetischen Ukraine losreifsen als in

seinen ultrakatholischen Anschauungen durch den Towianismus,

trotz aller Lockungen seiner Freunde, Mizkiewicz, Goszczynski,

der ihm durch sein spartanisches Leben und unbeugsames Polentum

besonders imponierte, erschüttern liefs. Seine Muse hatte

lange gefeiert; 1831 hatte er in demselben Regiment gedient mit

dem Kritiker Mauryzy Mochnazki, der in der Emigration die

Ästhetik an den Nagel hing,

Publizist wurde und eine »Geschichte

der Erhebung des polnischen Volkes« begann, eine glänzend

geschriebene, lebhaft anschauliche, nicht

unparteiische Darstellung,

die sein baldiger Tod (1834) unterbrach; er war dann emigriert

und begann erst seit 1835, als Mizkiewicz Poesie bereits aufgab,

ihr von neuem zu huldigen. Er war der alte geblieben, trotz

aller Veränderungen ringsum; nur seine Schwermut ward tiefer

und inniger; die Fata Morgana seiner Ukraine lockte ihn desto

stärker, je unerreichbarer sie ward, und seine religiöse Gesinnung

accentuierte sich immer deutlicher. Er nahm zwar gröfsere

epische Probleme in Angriff, ohne sie doch recht zu bewältigen

und über blofse schöne Einzelheiten zu einem interessanteren,

einheitlicheren Ganzen vorzudringen. Wohl gefiel sein religiöses

Epyll (»Die allerheiligste Familie«, vom Heiland - Kinde im

Tempel), aber von echtem Leben und wahrer Gröfse waren

auch seine heiligen Personen ebenso entfernt wie seine Kosaken

es gefiel das Zierliche und Zarte an den Menschen wie an der

Natur, die alle milden Reize der Ukraine, nicht Glut und Grelle

des Orientes zu atmen schien. Anspruchsvoller, ein historio-

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine