Geschichte der polnischen Litteratur

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Geschichte der polnischen Litteratur

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wecken«; dessen Los, wie in Märchenzeiten, an das Schicksal

einer Harfe gebunden ist, wie das Glück an das Glas von Edenhall;

unter seinem edlen König Derwid (Name des Königs und

die Harfen des Volkes stammten wirklich aus den Chroniken),

wurde überfallen von den herumräubernden Lechen, dem König

Lech mit seiner Schlachta, die eben erst mit dem Bruder Czech

Böhmen eingenommen hatten und bei der Beuteteilung uneins

geworden waren. Trotz des Heldenmutes seiner Söhne, der Aufopferung

seiner Töchter, trotz seiner numerischen, moralischen,

physischen Überlegenheit erlag das Volk der Weneden den

frechen, prahlerischen, unmäfsigen, faulen Lechen, als wären den

Weneden ihre Herzen angenagt, als wären sie von vornherein

dem Untergange geweiht, als gäbe es dagegen keine Ermannung,

keine menschliche Hilfe. Und diese traurige, resignierte Anschauung

mufste jeder Pole unwillkürlich auf seines Volkes Los

beziehen, das sich 1840 wie 640 zu wiederholen schien. Der

nahen Beziehungen gab es noch viel mehr; vor allem waren die

Lechen mit ihrem Könige Löwen im Kampfe, weibisch zu

Hause, unbeständig, lässig und schwach, ohne Konsequenz im

Hassen, den Erfolg nie auszunützen verstehend, — der polnische

Adel selbst mit seinem Sobieski, und merkwürdig stach von

diesen tapferen und schwachen Männern das grimme nordische

Weib, die Guinona-Chriemhild ab, welche die stets Erlahmenden

stets anfeuern, führen, zwingen mufste, verachtend diese schwachen,

energielosen Herzen mit den starken, tapferen Armen. Ja, damit

über den nötigen Zusammenhang niemand zweifle, fügte der

Dichter seiner Tragödie den Vers »Agamemnons Grab« an, wo

er das Andenken des Leonidas und der Thermopylen anrief,

um sein eigenes Volk, »den Pfau und Papagei« unter den Völkern,

schwer zu venmglimpfen , den Mangel antiker Gesinnung zu

beklagen.

Unter den Personen seiner Tragödie ragte besonders hervor

die Titelheldin, die slavische Antigene und Cordelia zugleich,

der holdselige Engel, die wunderbarste Verkörperung jungfräulicher

Unschuld und hingehendster Liebe für Vater und Brüder;

diese Brüder selbst, die Castor und PoUux der Slaven, in halb

m)rthischer Gestalt , zumal in der ergreifenden Sterbescene ; ihre

andere Schwester, die blutrote Rosa gegenüber der lilienweifsen

Lilla, die Kassandra dieser slavischen Tragödie, aber auch die

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