Geschichte der polnischen Litteratur

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Geschichte der polnischen Litteratur

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des Gewissens. Auf die Dauer liefs sich ja unbedingte Verehrung

des Wallenrod , der Rache um jeden Preis mit christ-

Hcher Gesinnung nicht vereinigen; es folgte der tröstliche Hinweis

auf die Macht der alles überwindenden göttlichen Liebe

und nahm die Form einer Allegorie aus der antiken Welt an.

Im November 1833 frug er beim Vater an, ob er sich einer

Idee entsinne, die er dem Vater in Petersburg (1832) erzählt

und die dieser »schön gefunden« hätte; sie hiefs »Iridion« und

spielte vor Jahrhunderten in Rom; ich habe sie in Petersburg

geschrieben, zerrifs sie in Warschau, weil ich sie elend fand, doch

gab sie mir ein Jahr lang keine Ruhe, gev/ann an Weite und

Macht; hier (in Rom) offenbarte sie sich mir; hier erblickte ich

meinen Iridion, wie er auf dem Forum wandelt ; ich schaffe nicht

weiter an ihm, ich observiere nur; er begleitet mich durch alle

Ruinen; schon aus Dankbarkeit werde ich ihn nicht umkommen

lassen. Und gleichzeitig äufserte er zu Gaschynski: »Ich liebe

diese Trümmer, ich liebe die Strafe, welche herabkam auf die

ewige Stadt, auf die Stadt der Bedrückung und Niedrigkeit, des

Egoismus und der Ausschweifungen, auf Rom, den alle Nationen

der Welt verschlingenden Abgrund. Blicke Du nun auf diese

Ruinen, auf diesen Epheu, der Eidechsen grüne Wonne, auf diese

Gräber . . . auf ihnen ist heute, wie auf einer Verbrecherstirn,

durch der Zeiten Hand der Fluch eingegraben, und Rom liegt

zu Boden, liegt und fault, liegt und wird nicht wieder erstehen . .

Aber gleichzeitig ist Heiligeres zu sehen, das Kreuz herrscht

hier, der Katholizismus thront hier auf allen Hügeln, er hat die

'^'^elt gerettet und in seiner Barmherzigkeit auch der alten Welt

Reste bewahrt. Wärst Du hier, niederknieen würdest Du und

glauben; Dichter schäme Dich, kein Katholik zu sein.« Roms

Poesie hat kein anderer polnischer Dichter in gleichem Mafse

empfunden und besungen. Der »Iridion« von 1832 hatte ihn

nicht befriedigt, da kam diese Poesie offenbar nicht zur Geltung

noch hatte er Rom zu wenig gesehen, Gibbon, Montesquieu, die

antike Litteratur zu wenig studiert. Das holte er 1833 und 1834

nach; 1835 wurde der neue »Iridion« geschrieben; formell an

die »Ungöttliche« erinnernd, in derselben poetischen Prosa, mit

Prologen und Epilogen,

aber als Kunstwerk, ohne Rücksicht auf

den Ideengehalt, ungleich höher, antikes Denken und Fühlen,

die Menschen und die Atmosphäre mit wunderbarer Intuition

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