Geschichte der polnischen Litteratur

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Geschichte der polnischen Litteratur

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durch den Novemberaufstand geweckt waren; beide teilten die

Form; in beiden wies der Dichter statt einer eingehenderen

Lösung der Gegensätze auf den einzigen Ausgang, was ja mit

seiner Auffassung der Poesie zusammenhing, welche Synthese

wäre, der die Analyse schädlich wäre: es genügt, den Arm zu

erheben und den Menschen zu weisen; sie sollen dann selbst

untersuchen , wieviel Strahlen es in diesem Sterne gebe und wie

rasch sein Licht zur Erde eile. Beide Werke waren ihm religiöse,

christliche gewesen, d. h. sie sprachen ihm vom Welträtsel,

Ahnungen anderen Lebens, Erinnerungen vorirdischen Seins, von

Furcht und Hoffnungen, von diesem allem, was Gefühl eines

Wesens heifst, das in Grenzen lebt und zu einstigem grenzenlosem

Leben bestimmt ist. Dieser philosophische Gehalt sollte

bald noch vertieft werden; vorläufig versuchte sich der Dichter

in lyrischen Versen und mystifizierte das Publikum durch Erzählungen

in Prosa: »Versuchung« und »Sommernacht«, wo

eigene Erfahrung (die Köderung des unerfahrenen Jünglings

durch Hofgunst, der dann den Tod vorzieht dem Eingereihtwerden

unter die Feinde seines Volkes) und Erinnerungen an die

eigene Familientradition, sowie an Ereignisse im Hause der

Czartoryski oder Radziwil u. a. (die Tochter des Hauses opfert

sich für den greisen Vater, reicht ihre Hand dem Fremden und

geht nach der Trauung mit ihrem Landsmann-Geliebten in den

Tod) in einer exaltiert-bombastischen Weise geschildert und durch

alle möglichen Zuthaten und Vermummungen unkenntlich gemacht

waren :

letzte Versuche einer, wenn auch überromantischen,

doch an Realität anknüpfenden Muse; von nun an wurde seine

Poesie ausschliefslich philosophisch-allegorisch.

Der Geist der slavischen Rasse ist ein durchaus unphilosophischer;

spekulatives Denken gar, das über die Grenzen von

'

Gott und realer Welt dringen möchte, stöfst ihn eher ab ; er verläfst

nur ungern den Boden dieser Realität oder was er dafür

hält; noch als eingefleischter Hegelianer wird er nach Kombinationen

fahnden, um den Glauben an einen persönlichen Gott,

an eine Unsterblichkeit der individuellen Seele, mit der Lehre

vom Absoluten irgendwie auszusöhnen; neben religiösen Grundlagen

wird er wo möglich nationale nicht verlassen wollen.

Trotz gewaltiger Fortschritte auf allen anderen Gebieten haben

z. B. die Russen noch bis heute keine nennenswerte philosophische

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