Geschichte der polnischen Litteratur

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Geschichte der polnischen Litteratur

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Kriegszügen, neuen Lasten und Gefahren wissen wollte, die

Gegenwart genofs, die Früchte ihres Wirtschaftens , des Holzund

Kornflöfsens nach Danzig, des Viehtriebes nach Bricg und

Breslau. Ihre Stellung war gefestet : keine Kriege oder Steuern

ohne ihre Bewilligung, Verdrängung der Bürger aus den geistlichen

hohen Würden und dem Grundbesitz ; Fesselung des

Bauern an die Scholle und Auflegung immer hcärterer Fronen.

Immer selbständiger, trotziger wurde nicht diese adlige Nation

in ihrer Gesamtheit, sondern jeder einzelne Adlige, und mit berechtigtem

Stolze konnte er von sich sagen,

dafs er fast souveräne

Rechte besäfse, dafs im Auslande der Adlige so viel bedeute, wie

der Unterthan eines Adligen in

Polen.

Diese Allmacht des polnischen Adels hatte sich langsam

imd stetig entwickelt. Ihre Anfänge reichten noch in das 12.

und 13. Jahrhundert zurück, die Zeit der Teilungen und der

siegreichen Kämpfe der Kirche um Privilegien, und war 1370

gefestet worden, als nach dem Aussterben der Piasten Ludwig

von Anjou versprechen mufste, vom Adligen, der ja bereits den

Kriegsdienst leistete, nichts mehr zu verlangen als zur Anerkennung

der Herrschaft zwei Groschen von seiner Bauernhufe.

Diese lächerlich geringe Steuer, mit den Regalien, Zöllen und

]Mauten, mit den Einkünften der Krongüter, bildete die Finanzmacht

des Königs, und da diese nie ausreichte, war er zu Bitten

an den Adel um freiwillige Auflagen genötigt; die Nachgiebigkeit

des Adels mufste durch immer neue Privilegien erkauft

werden, bis während des »langen Krieges« mit dem Orden,

1454— 1466, die Freibriefe des polnischen Adels entstanden,

welche die parlamentarische Ständeverfassung für immer garantierten;

die Adelsboten, je zwei von jeder Wojewodschaft für

den sejm walny, den Grofsen Reichstag, gewählt, die anfänglich

nur neue Steuern zu bewilligen hatten, rissen mit der Zeit alle

Agenden des Staates an sich oder unter ihre Kontrolle. Die

Respublica bildeten drei »Stände«; der König, einst erblich,

nachher wählbar aus der herrschenden neuen Dynastie,

und als

auch diese zum \^erhängnis der Nation nach kaum zwei Jahrhunderten

ausgestorben war (1572), einfach Wahlkönig; der

Senat, d. i. die vom Könige ernannten geistlichen und weltlichen

Würdenträger und Minister, die Wojewoden und Kastellane, die

Hetmane, Marschälle und Kanzler; der Adel, vertreten durch

Brückner, Geschichte der polnischen Litteratur. 3

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