Geschichte der polnischen Litteratur

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Geschichte der polnischen Litteratur

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seinem deutschen Theater und Zeitschriften, eine halbdeutsche

Stadt ; die Kirche war national geblieben, doch war sie von dem

Josephinismus, durch Kassation einer Menge von Ordenshäusern,

schwer getroffen, entbehrte hervorragender Führer und mufste

sich Einsprengung fremder, nicht immer einwandsfreier Elemente

gefallen lassen. Der Adel zog sich von der Beteiligung am

öffentlichen Leben zurück, diente weder in dem fremden Heere

noch in dem fremden Amte, brachte die Jugend auf Reisen, in

Saus und Braus, zu, um zuletzt auf den Landgütern halbmüfsiges

Leben zu verbringen. Im Bewufstsein des Bauern überwand der

alte sociale Gegensatz jegliches Gefühl der Zusammengehörigkeit

mit der »Intelligenz« ; er gewöhnte sich, trotz des Fortbestehens

der alten Abhängigkeit und Patrimonialgerichtsbarkeit, in dem

»Amte« und dem kaiserlichen Beamten den Hort gegen Ungerechtigkeit,

den wohlwollenden, durch die »Herren« planmäfsig

gehinderten Schutz zu suchen; nicht an »Wien« und dem »Kaiser«

lag es, dafs er nicht schon längst die Freiheit seines Besitzes

genofs. Die Regierung , in steter Furcht vor Emissären und

Revolutionären, stützte sich auf diesen Gegensatz zwischen »Herr«

und Bauer und wufste im entscheidenden Augenblicke (1846)

den Bauer gegen den Herrn auszuspielen. Neben dem polnischen

Elemente auf dem flachen Lande bestand das kleinrussische

(»ruthenische«) fort, dessen nationales Bewufstsein durch die

kleinrussische Geistlichkeit, durch die ersten kleinrussischen (Gerichts-)Beamten

langsam geweckt und gegen das bisher ausschliefslich

polnische ins Feld geführt werden konnte. So flössen

in dem Leben der Provinz drei Strömungen nebeneinander

das offizielle, deutsche Leben in Amt, Schule, Militär; das polnische

adlige auf den Gütern, in den ständischen Versammlungen

mit der Regierung sich berührend, sonst seinen Traditionen ergeben,

— es war kein Zufall, dafs in Galizien gerade die

poetische Verherrlichung der guten, alten Zeit durch Pol und

Kaczkowski ihre Blüten trieb; das Vegetieren der »masurischen«

und »russinischen« Bauern auf dem Lande; die von der Regierung

einst mit allen erdenklichen Mitteln geförderte deutsche Kolonisation

ergab keinerlei Resultate ; der Jude, in der guten alten Zeit grofsgezogen,

hielt es natürlich mit der Regierung, wo er überhaupt

aus seinem kulturellen und moralischen Ghetto heraustrat. Das

Bürgertum hob sich, trotz einzelner hervorragender Patrioten,

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