Geschichte der polnischen Litteratur

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Geschichte der polnischen Litteratur

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den sechziger und siebziger Jahren, da er gröfste Fruchtbarkeit

entwickelte, in den litterarischen Vordergrund stellte. Es dauerte

lange, bis er ein gelesener Schriftsteller wurde, hatte er doch mit

Form und Sprache zu kämpfen; er sicherte sich den Erfolg, indem

er, wie Kraschewski oder Jesch, aktuelle Fragen behandelte,

oder, wie Korzeniowski, aus der kleinen und niederen Welt seine

Genrebilder wählte. So wurde er vor allem der Romancier

Galiziens, behandelte im Roman die ruthenische Frage (»Sankt

Georg« — der Hauptsitz des »Altruthenentums« in Lemberg),

die Polonisierung der Söhne polen fresserischer Hofräte (»Nemesis«):

die

fatale Verkettung mit Wien und dem Börsen- und politischen

Spiel daselbst, die materiellen und moralischen Einbufsen infolge

dessen, den Übergang des Landbesitzes in fremde Hände, auch

den Kampf mit der Germanisation im Posenschen (»Auf den

Grenzen«) u. s. w. Und neben diesen socialen und tendenziösen

gefielen die kleinbürgerlichen und Liebesgeschichten, die Novellen

mit stark ausgeprägtem humoristischen Charakter, die Romane

mit ihren Träimiereien von glücklichen, edlen Menschen, mit

ihrer Jagd nach dem Idealen, die das Schöne und Gute in der

Nähe übersahen und verführerischem Schein nachstrebten, bis sie

reuig zurückkehrten — trotz ihrer oft unklaren und verschwommenen

Tendenzen, trotz des häufigen Wiederholens derselben Motive

und Mittel. Der Einflufs der deutschen Romane machte sich

hier am ehesten bemerkbar; der Erzähler bestach nicht durch

äufsere, blendende Vorzüge, Fülle und Frische der Bilder, wohl

aber durch seine herzliche Gutmütigkeit,

seinen Humor, sein froh

behagliches Weilen bei den Kleinen, durch eingehende psychologische

Schildenmgen, und erwarb sich vor allem die Gunst der

Damen, immer wieder Liebesgeschichten breit ausmalend, nicht

frei von Sentimentalität; starke weibliche Charaktere vermochte

er übrigens auch dann nicht zu schaffen, wenn er, wie in seiner

»Wiktoria Regina«, absichtlich darauf ausging; auch in seinen

männlichen Helden überwog das Träumerische und Sentimentale.

Neben Kaczkowski und Zacharjasiewicz , der, selbst ein Bürgerlicher,

zum erstenmal in Galizien das bürgerliche Element in

den Roman breit einführte, war es der talentvolle, leider früh

verstorbene Walery Losinski, der durch spannende Verwicklungen,

Räubergeschichten u. dgl. die Eintönigkeit polnischer

Romane nach französischen Mustern unterbrach; am besten

Brückner, Geschichte der polnischen Litteratur. 30

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