Geschichte der polnischen Litteratur

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Geschichte der polnischen Litteratur

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gelang ihm freilich, was er selbst beobachtet hatte, die Eigenheiten

Vorurteile, Streitigkeiten des kleinadligen Volkes seiner

engeren Heimat.

Das Interesse der Zeit war vorwiegend ein historisches ; man

flüchtete aus der Alltäglichkeit, die höheren Regungen keinen

Raum gewährte, in die glänzende, idealisierte Vergangenheit,

und diesem Bedürfnisse kam nicht nur das Epos des Pol und

der Roman des Kaczkowski entgegen, sondern die berufsmäfsige

Geschichte selbst.

Hier erwies sich als grofser Künstler Karol Schajnocha, der

bei Zeitungen und im Ossolineum arbeitete, nachdem auch er, wie

die hervorragenderen oder feurigeren unter den Altersgenossen,

die Smolka, Ziemialkowski und Dunajewski (der spätere Kardinal),

die Pol, Kaczkowski und Zacharjasiewicz , die Wonnen österreichischer

Gefängnisse, die den Grund seiner nachmaligen Erblindung

legten, durchkostet hatte. Verlor sich August Bielowski

in urkundlichen Forschungen und Materialsammlungen (z. B.

Leben und Schriften des Stanislaw Zolkiewski, Denkwürdigkeiten

des Jemiolowski u. s. w.) oder in Spekulationen über lenchisch-polnische

Urgeschichte, die er vergebens an den Lynchitis in Macedonien

anlehnte, so wufste Schajnocha, der erste polnische Essayist, in einer

Reihe trefflich geschriebener Skizzen, weniger aus dem Mittelalter

als namentlich aus dem 17. Jahrhundert, den Sinn für Geschichte

mächtig anzuregen. Er streifte auch blofse Anekdoten und

Traditionen, behandelte litterarische Persönlichkeiten wie Opalinski,

W. Potozki, Biographien, alles mit der Kunst eines

Thierry, lebhaft, anschaulich, zum erstenmal einen wirklichen

Genufs historischer Lektüre dem grofsen Publikum vermittelnd,

Zeiten und Menschen deutlich erschauend und das Geschaute

malerisch darstellend ; nicht umsonst hatte er sich auch in Dramen

imd Erzählungen versucht. Seine Kunst erreichte ihren Höhepunkt

in den vier Bänden von »Jadwiga und Jagiello«, die

mittelalterliches Leben und Denken mit allem Detail verständnisvoll

nachschufen, besonders jedoch in seinen »Zwei Jahre polnischer

Geschichte«, welche mit unübertroffener Plastik 1646 und

die Kosakenkatastrophe von 1648 und ihre dramatischen Scenen

zu gestalten wufsten. Und über gröfseren historischen Kompositionen

vernachlässigte er keineswegs die Einzelforschung , von

dem Nachgehen der Erobererspuren eines Boleslaw des Tapferen

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