Geschichte der polnischen Litteratur

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Geschichte der polnischen Litteratur

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vereinsamter, schalt auf die gleichgültigen, undankbaren Hörer

und trat immer seltener vor die Öffentlichkeit, wiederholend,

verwässernd, was er in der Jugend gesungen, sich in der Manier

verlierend ;

gröfsere epische und dramatische Arbeiten , so das

dramatische Gedicht »Die Richter von Athen« (Sokrates), wurden

erst nach seinem Tode (1893) veröffentlicht. Jedenfalls blieb

Lenartowicz der bedeutendste volkstümliche Lyriker, den

Masoviens Boden hervorgebracht hat. Andere Mitglieder der

einstigen Warschauer boheme entpuppten sich schliefslich als

tüchtige Feuilletonisten, so der sarkastisch-cynische Niewiarowski

oder der ernstere Minischewski, die sich auch als Schilderer heimischen

Provinziallebens mit Erfolg in Romanen und Erzählungen

versuchten.

Abseits stand Tomasch Zielinski mit seinem »Kirgisen«,

dem ersten poetischen Produkte echten polnischen »Orientalismus«,

der nicht mit den Farj^s und Peris und den Märchen der

Schehezerade und Beduinen, desto mehr dafür mit der endlosen

Grassteppe und der eisigen Tundra Centralasiens und Sibiriens

verwachsen ist. Allerdings war dieser »Kirgise« (1842) noch

nicht frei von romantischem Allotria, von einem wilden, die

Natur selbst in die Schranken fordernden Unabhängigkeitsdurst,

aber bis auf diese Schattierungen war das Leben und Fühlen in

den Auls und Jurten der Nomaden, die Rachsucht des stolzen

Vaters, der sich nicht scheut, Tochter und Entführer in den

Flammen des Grasmeeres umzubringen, beider vergebliche Flucht,

mit Geschick und Kraft geschildert, wie sie den übrigen epischen

und byronisierenden Versuchen des Dichters fehlten. Kein gleich

exotisches Thema behandelte später (1856) Karol Brzosowski in

seiner »Jägemacht in Anatolien«, der Land und Leute aus der

Krimcampagne her wohl kannte, aber nur heimische Traditionen,

Neckereien von Masuren und Litauern an dem Lagerfeuer der

»schwarzen Jäger«

aufleben liefs.

Eine regere Übersetzungsthätigkeit erwarb bleibende Verdienste

um die Erweiterung des poetischen Gesichtskreises;

übersetzt

wurden die alten Klassiker sowohl^ die Tragiker z. B.

durch Wenzlewski, als auch Dante und Calderon, Shakespeare

und Goethe, während Heine und Musset nur in vereinzelten

Liedern und Proben zu Worte gelangten,

obwohl an Shakespeare

z. B. drei Übersetzer in gröfserem Stile sich versuchten; als

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