Geschichte der polnischen Litteratur

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Geschichte der polnischen Litteratur

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das Haschen nach wohlfeiler Popularität, das Demagogentum,

die politische Kurzsichtigkeit und X'erblendung, das Aufserachtlassen

der realen, der Machtfaktoren. Neben der eindringlichen

Einschärfung dieser elementaren, in den Jahrhunderten der

Adelsanarchie völlig abhanden gekommenen Begriffe hatte diese

Geschichte noch eine andere, dankbarere Aufgabe: zu zerstören

eine Menge von Legenden, die zur Verunglimpfung polnischer

Geschichte aufgebracht waren, die die einfältigen Polen selbst

hatten mit verbreiten helfen; festzustellen z. B., dafs es Polen

allein vorbehalten war, einen Monarchen zu besitzen, der sein

eigenes Land schnöde den Fremden zur Teilung anbot (August IL),

oder den Beweis zu liefern , dafs, ganz ohne die zweifelhaften

Wohlthaten aufgezwungener fremder Kulturen, die Polen aus

sich und ihrer europäischen Kultur heraus auf dem besten Wege

des Fortschrittes waren : lobten doch preufsische Beamte (Klewitz)

die Schulen der Edukationskommission über alle Mafsen, und in

einer kurzen Spanne Zeit, unter den denkbar ungünstigsten Verhältnissen,

ist kaum irgendwo mehr Kulturarbeit geleistet worden

als im Herzogtum Warschau und im Königreich Polen von

1807— 1830. So wurde diese Geschichte nicht nur zum Spiegel

der Verirrungen und Unterlassungssünden der Vorfahren und

der Verbrechen der Oligarchen, die der kleine Adel, der Bürger

und der Bauer zu büfsen haben, sondern sie wurde auch Stütze

und Stärkung; sie verteilte Licht und Schatten; verringerte ganz

erheblich das angebliche Schuldkonto der Nation ; zeigte auf das

Walten eines unglücklichen Zufalls oder Verhängnisses, wie es

kaum anderswo wieder anzutreffen ist, wie z. B. ein böses Fatum

die Polen , trotz einer geradezu rührenden Anhänglichkeit an

ihre Plasten und Jagiellonen, in kurzer Zeit dieser Dynastien

beraubte, und wie verhängnisvoll die Folgen davon für das

Staatsleben werden mufsten; sie wies auch dem »christlichen ;<

Auslande die entsprechende, sehr unchristliche Rolle bei allen

polnischen Vorgängen zu. Daher die Bedeutung der Geschichte

für das moderne nationale Bewufstsein.

Von den »Stanczyken« in Krakau ging die Losung einer

Revision der historischen Überlieferung aus und fand in Lemberg

verständnisvollen Wiederhall. Im Verfolg dieser Arbeit, die aus

leicht zu würdigenden Gründen für den Polen noch ungleich

bedeutungsvoller ist als für andere, ihrer Selbständigkeit sich

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