Geschichte der polnischen Litteratur

scans.library.utoronto.ca

Geschichte der polnischen Litteratur

— 568 —

zu oft überboten sich seine Personen in Edelmut und Opferwilligkeit

und raubten dem Konflikt seine Schärfe. Im Grunde

sind auch der Halschka- und der Zborowskistoff tragisch nur

dann zu verwerten, wenn man mit jeglicher Geschichte so willkürlich

umspringt, wie Schiller im »Demetrius« gethan hat oder

Mizkiewicz im »Konrad Wallenrod« ; Zamoyski, welcher das

Opfer seines Amtes im Kerker aufsucht und Verzeihung bittet,

dafs er seines Amtes walten mufs, macht dem Herzen und der

Humanität der Polen alle Ehre, deren Könige sich unglücklich

fühlten (im 16. Jahrhundert, zur Zeit der Bartholomäusnacht

und Maria Tudor!), wenn sie in Jahren ein Todesurteil vollziehen

lassen mufsten, bei denen der »Verlust eines Hundes tiefer

empfunden wird als anderswo der eines Freundest, — nur hörten

dabei tragische Konflikte auf; in einer beliebigen italienischen

Stadtrepublik gab es deren auch mehr als in den 900 Jahren

polnischer Geschichte, falls man nicht die Zeit der ersten Piasten,

der wilden, ausnimmt. Slowazki liefs sich von einem richtigen

Takte leiten, als er für seine Balladyna, Lilla Weneda, König-

Geist, Stoffe, Zeiten, Gegenden wählte, von denen keine Geschichte

oder Tradition zu berichten wufste. Den Leser, nicht den

Zuschauer versöhnt mit Schujskis historischen Dramen, namentlich

mit den letzten, der Gedankenreichtum, die tiefe Auffassung von

Stoff und Ideen: der Historiker und der Politiker haben dem

Dichter vorgearbeitet, der mit ihren Augen die eigentliche Bedeutung

der äufseren Vorgänge durchschaute und wiedergab.

So eröffnete Schujski 1857 mit seinem Zborowski die lange

Reihe historischer Dramen, die sich in ununterbrochener Kette

bis 1901, bis zur »Nawojka« des Rossowski, bis zum »Zawischa«

Tetmajer's, bis zu den »Weneden« und dem »Attila« des Antoni

Lange drängen, mit Vorliebe aus polnischer Geschichte gewählt,

doch nicht auschliefslich ; schrieb doch Schujski selbst einen

»Wallace«, sein bestes Drama, »Savonarola«, »Nero«; Asnyk

einen »ColaRienzi«, Brzosowski einen orientalischen »Malek« u.s.w.

Besonders eifrig hat der auch als Litterarhistoriker und Ästhetiker

verdiente Krakauer Adam Belzikowski, obwohl schliefslich auch

ohne gröfsere äufsere Erfolge, vierzig Jahre lang dieses undankbare

Gebiet gepflegt. Er begann fast gleichzeitig mit Schujski mit

einem in Prosa geschriebenen »Hunyadi«, der Familientragödie

von 1457, und wählte dann mit Unrecht, nach deutschen Vor-

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine