Geschichte der polnischen Litteratur

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Geschichte der polnischen Litteratur

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Schicksale bedacht, seine Allegorien in die Pracht des Slowazkischen

Wortes tauchend. Ebenso kühn und ungewöhnlich sind

seine Rhapsodien von Boleslaw dem Kühnen ^r, von »König

Kasimir ;:, ganz im Geiste und mit den Mitteln des »König Geist«

des Slowazki ausgeführt: Kasimir z. B. erwachend aus dem fünfhundertjährigen

Todesschlaf,

betrachtend das Treiben der Männer,

die 1870 seinen Sarkophag auf dem Wawel öffnen, anstaunend

die Veränderung der Zeiten. Seine Kunst war der Menge unfafsbar:

eigentlich populär wurde er erst 1901 durch seine

»Hochzeit«, ein allegorisch - phantastisches Drama von solcher

scenischer Wirkung (namentlich in dem Schlufsakt, der den Zuschauer

in atemlose Spannung fasziniert), aktuellen Allusionen

und Kraft der vorwärts stürmenden Diktion, dafs es nicht leicht

von einem realen übertroffen werden könnte. Die Allegorie

läuft in die bittersten Sarkasmen aus: zu einer niichtlichen

Hochzeitsfeier, zwischen Dichter und Bauernschöne, werden aufgerufen

die Geister, die um Mitternacht erscheinen, Symbole und

Personen, vom Stanczyk und Sawischa bis Branizki und Schela

(dem Führer im Massakre von 1846); alles drängt auf eine Entscheidung,

eine Umwälzung hin, aber verloren hat der Bauer

das goldene Hörn, das das Zeichen hierzu geben soll, und die

Versammelten werden aus ihrer Hypnose durch Klänge banalster

Musik herausgerissen — ungerüstet, alles verpassend, wie immer.

Die Einkleidung, die Einzelheiten sind alle dem Krakauer Leben

entnommen, den Inhalt bilden die subjektivsten, leidenschaftlichsten

Ausfälle und Angriffe auf Menschen und Ideen: die Auslegung

des Einzelnen, der Symbole, bleibt schwankend ; der grofse

Zug des Ganzen reifst unwiderstehlich mit.

So gährt es auf der polnischen Bühne, ohne dafs es ihr

bisher vergönnt gewesen wäre, das grofse, das nationale Kunstwerk

sich zu erringen. Was ihr versagt blieb, gewann im sieghaften

Anlauf der Roman: doch mufste auch er eine längere

Evolution durchmachen, ehe seine Blüte geschaffen werden konnte.

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