Geschichte der polnischen Litteratur

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Geschichte der polnischen Litteratur

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Teil ebenfalls in Tendenzen und Ideen und gehört mit ihnen der\>rgangenheit

an, denn die Frauenemanzipation, an der sie in ihren

Anfängen so wirksam mitarbeitete, in Polen wie in Deutschland,

wo ihre Erzählungen, z. B. »Martha :, als Agitationsmittel verwertet

wurden, ist bereits ein überwundener Standpunkt. Neben der

Tendenzschriftstellerin, deren jedes Werk einst leidenschaftlichen

Wiederhall fand, die ganze Frauengenerationen begeisterte und

stärkte, neben der humansten, liebevollsten Dienerin der Idee

selbst verehrt die Litteratur, nicht nur die polnische, sondern

auch die russische und deutsche in ihr die grofse Künstlerin

Orzeschkowa im Roman und Konopnizka im Gedicht sind in

der Frauenlitteratur aller Zeiten und Länder überragende Erscheinungen

und rechtfertigen vollauf die hohen Erwartungen,

die man in Polen stets von den Frauen hegte: erklärte doch

schon 1535 der Krakauer Professor, gleichzeitig mit dem Frauenverteidiger

Agrippa in Deutschland, dafs die weiblichen Ingenia

subtiler wären als die männlichen — lernten doch schon die

Mädchen früher sprechen als die Knaben — und dafs die Männer

nur aus Furcht um ihre privilegierte Stellung die Frauen neidisch

vom Studium fernhielten. Eigene schmerzliche Enttäuschungen wie

öffentliche Katastrophen haben den im Kinde bereits

schlummernden

Trieb zu äufserer Gestaltung innerer Eindrücke mächtig gefördert;

die verhängnisvollen Jahre 1861— 1863 haben im Leben

der Schriftstellerin wie in dem ihrer Nation, speciell ihrer

Provinz — denn »Litauerin« ist die Orzeschkowa, wie Mizkiewicz

und S)'rokomla »Litauer« waren — den Umschwung herbeigeführt.

Zuerst sonderten sich die Geister. In dem Kampfe, der die

Bauernemanzipation begleitete, zeigte sich, wer egoistischen

Standesinteressen und wer Humanität und Gerechtigkeit zu dienen

gedachte; beim Ehepaar Orzeschko ging diese Demarkationslinie

zwischen Mann und Frau. Die Emanzipation führte nun

eine gesellschaftliche Umwälzung in ihrem Gefolge; dem Adel,

d. h. der Intelligenz, waren mit einemmal die bisherigen bequemen

Existenzbedingungen, das sorgenlose Sichverlassen auf

die Arbeit anderer entzogen; seine materielle Grundlage, die

ihm das süfse Nichlsthun, das Träumen, das Geniefsen durch

Jahrhunderte ermöglichte, war zerstört; die unentgeltliche Fronarbeit

seiner Bauern hatte mit einemmal aufgehört. Der polnische

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