Geschichte der polnischen Litteratur

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Geschichte der polnischen Litteratur

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Parallelen zwischen jetzt und einst, die sich ihr aufdrängten.

Das bedeutsamste dieser Werke, welche übrigens Detailmalerei

und epische Breite ausschlössen, ist die auch ins Deutsche übersetzte

»Mirtala«, die Jüdin, die zwischen dem Römer und seiner

Kultur und ihrem Stamme schwankt, mit dem heldenhaften

Jonathan, mit der Gemeinde, in der die fanatischen Anhänger

Schamais und die des sanften Hillel einander entgegentreten, in

der hassenden, verachtenden, neidischen römischen Umgebung.

Die Sprache ist, wie auch sonst, pathetisch, eine rhythmische Prosa,

in geschwellten Perioden, die Darstellung überladen mit Beschreibungen;

vielleicht dachte sie, wie Kraschewski in seinem

»Rom unter Nero«, an das eigene Volk, als sie von dem unterjochten

Stamme und seinen frisch geschlagenen Wunden erzählte.

Doch kehrte sie von diesem Ausflug nach der trüben Tiber zu

ihrem klaren, kalten, tief eingebetteten Niemen zurück. Hatten

ihre Exkurse unter Juden, Stadtleute, Bauern, Dorfadel den Gesichtspunkt

der polnischen Belletristik jedesmal erweitert, so

hatte sie nie aus den Augen gelassen die Leute ihres Standes,

die Herren und die Halbherren, die es jenen nachthun wollen

(»Pompalinscy« — jeder kennt in Litauen die Familie, die dazu

Porträt gesessen hat), bis auf die Leute von der Okoliza, den

Bauernadel der Bohatyrowicze, herab, die mit den Korczynski

und Roshyz jene drei Sphären repräsentieren. »Am Niemen«,

ihr ausführlichster, in epischer Breite einhergehender Roman,

schildert neben einer Reihe interessanter Frauen, nervöser

Heldinnen die Wechselbeziehungen dieser drei Sphären, die Entfremdung

zwischen Adel und Kleinadel, die im Namen alter,

heiliger Tradition behoben werden mafs, den aufserordentlichen

Wert, welchen nach allen Katastrophen, die, im tiefsten Hintergrunde

gehalten, doch die Typen des Vordergrundes und ihre

Aktion bedingen, die Erhaltung des Landbesitzes beansprucht,

an den alle Mühe zu setzen ist.

Neben diesen traditionellen, heimischen, fast provinziellen

Gefühlen hatten bereits längst fremde Doktrinen, kosmopolitische

Tendenzen, sociale Utopien '^Eingang in Herzen oder Köpfe

dieser litauischen Universitätsjugend und emanzipierten Mädchen

gefunden; in Skizzen und Romanen hatte Orzeschkowa diese

Realisten, Nihilisten, Kosmopoliten, Pessimisten zu gestalten versucht,

die Leute, welche die ganze Welt lieben, bis auf die

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