Geschichte der polnischen Litteratur

scans.library.utoronto.ca

Geschichte der polnischen Litteratur

— 594 —

Benc Nati sogar, um von vielen anderen, auch im >^Niemen«, zu

schweigen); ihre Prosa ist nicht immer natürhch, schwillt öfters

lyrisch an; Weitschweifigkeit legte sie erst spät ab, sie wiederholt

sich. Wie tief empfunden sind dafür ihre Naturbilder (»Am

Niemen«), wie zart die Pinselführung gerade in den letzten ihrer

Skizzen, die mehrfach ausschliefslich der Pflanzenwelt, mit ihrer

Lieblingswelt ,

gewidmet sind ; wie herzgewinnend ist die Sj^mpathie

für alles Leiden und Dulden, wie grofs ihr Takt; so

tritt bei all ihren »Emanzipationsgelüsten« ein »gelehrtes« Weib

nirgends, aufser in einer einzigen Karikatur, auf. Ein bedeutendes

Talent , eine tief sympathische Erscheinung , eine der

Demokraten, die der polnische Adel so oft aus seinen Reihen

stellt, und immer schärfer betont sie diesen Zug, wie Kraschewski

etwa

,

getragen von demselben männlichen Patriotismus , ohne

Ziererei und Pose; eine mächtige Weckerin des Altruismus,

darin allein die heilsamste Panazee für alle Enttäuschung, Unbefriedigtheit

erkennend, und doch mit dem Alter Pessimistin geworden,

ist Orzeschkowa nur eine, allerdings die bedeutendste, der

vielen Novellistinnen nnd Romanschriftstellerinnen. Während im

Drama aufser der Zapolska, Sophia Wojzizka, die für grofse Kinder

Melodramen schreibt, und einigen anderen Frauen nur Männer

schaffen, ist die Beteiligung der Frauen an Vers und Prosa der

Lyrik (es giebt ja jetzt auch schon prosaische Lyrik) und des

Romans eine aufserordentliche, fremder Litteraturen Verhältnisse

und Mafse stark überschreitende. Allerdings hat gerade unter

ihnen vorzeitiger Tod vielversprechende Talente dahingerafft,

eine Maria Partus, Dichterin socialer Leiden, Vorläuferin der

Ada Negri; Stefania Chlendowska, feine Zeichnerin nervöser

Frauentypen; Paprozka, die mit Vorliebe beim ersten Eintritt

des Mädchens aus der Klosterschule in die Welt verweilte u. a.

Aber die Lücken füllen sich rasch, und die Invasion des polnischen

Parnasses durch die Frauen ist vollendet. Unter den Erzählerinnen

sind mehrere Typen vertreten; die einen knüpfen an die

alten »Enthusiastinnen«, an Shmichowska, die das Äussere einer

Stael mit dem Geiste einer Bettina vereinte, andere an Orzeschkow^a

an; sie treten für die Emanzipation der Frau ein, damit

das »Weibchen« endlich zum »W^ibe« würde, machen die

Männer verantwortlich für die Entartung der Frauen, die sich

gerade an den besten Männern räche, die in der Theorie der Frau

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine