Geschichte der polnischen Litteratur

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Geschichte der polnischen Litteratur

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schildernde Milieu, der Kohlengruben in den »Maulwürfen«, der

Arbeiter in den »Zinkhütten«, der Petroleumgewinnung in »Um

der Million willen« , des Sportes im »Rennen- u. s. w. auf das

eingehendste studiert und über diese Reporterthätigkeit Kunst

und Roman vergifst. Er berührt in derselben Weise die Judenfrage

— in den »Gaunern«, wie Herr Strauchfeld zum Vermögen

über die Leichen seiner Opfer schreitet, und in der Fortsetzung

davon, »Der Bekehrte«, wie der junge Strauchfeld und seine

adlige Frau harmonieren, die das Paar aus der Daudetschen

Evangelistin zu wiederholen scheinen, nur ist hier der Gegensatz

tiefer gefafst; andere aktuelle Fragen, z. B. das Verhältnis der

Polen und Deutschen in Schlesien, »die Besiegten«, aus denen

dereinst noch die Sieger werden könnten, die nur durch ihre

Solidarität stark sind, während ihre Gegner allen Reichtum und

Macht vereinigen und rücksichtslos ausbeuten; ebenso das Verhältnis

zwischen Slowaken und Ungarn im »Millenium«. In der

Schilderung des Milieu ist er ein Realist ohne Zolasche Manieriertheit;

weniger befriedigt er durch seine wie aus der Pistole

herausgeschossenen Schlufseffekte,

die doch nur zu einer Unfallschronik

und nicht zu einem Kunstwerk passen und, statt organischer

Lösung, blinden Zufall walten lassen. Durch krassen

Realismus zeichnet sich Wladyslaw Reymont aus, mag er nun

Lodzer Motive oder das Elend der Komödiantinnen (»Lili, eine

klägliche Idylle«) oder den Kampf des hochstrebenden Individuums

mit der Misere der Umgebung (»Fermente«) schildern; ihn

zeichnet jener Pessimismus, jene unsägliche Traurigkeit aus, die

in den Werken mehrerer moderner polnischer

Erzähler unbegrenzt

herrscht. Ihr auffallendstes Beispiel ist Stefan Sheromski, der

in seinen Erzählungen wie in dem einzigen gröfseren Werke

»Die Heimlosen' ,

das sich auch nur in Erzählungen auflöst,

seine Helden, z. B. Doktor Judym, noch da es Zeit ist,

nicht wie Ibsen seinen Volksfreund post festum, allein den mühseligen

Lebenspfad im Kampfe um das Wohl anderer einschlagen

läfst, als müfsten solche auf persönliches Glück für immer verzichten.

Reymont und noch viel mehr Sheromski sind nicht Erzähler

blofs oder Milieuschilderer, sondern sie wecken Stimmung

durch die Wahl der Worte und Bilder; aus ihren Zeilen selbst

sprechen die Schrecken des Todes, des Elends, der ISTacht, des Verlassenseins,

des verfehlten Lebens; Reymont bleibt dabei der gleich-

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