Geschichte der polnischen Litteratur

scans.library.utoronto.ca

Geschichte der polnischen Litteratur

— 614 —

ein furchtbar greifbares, lärmvolles Leben, das da tost und sich

überwälzt wie ein Meer, sitzen wir oben auf Terrassen,

diskutieren

über Kunst, Litteratur, Liebe, Weib, fremd diesem Leben, fern

von ihm, aus den sieben Tagen der Woche die sechs werktäglichen

streichend« ; zu diesen Müfsigen, den die eigene Schuld

auf »slavische Unproduktivität« abwälzenden, gehört das »Genie

ohne Portefeuille«, Ploschowski, einer der vielen Typen Turgeniew^s,

nur überfeinerter, wollen- und haltloser, einer der im

polnischen Leben häufigeren, in polnischen Romanen desto

selteneren Kosmopoliten, die die Bande mit der Heimat fast

schon zerrissen haben, etwa Graf Rak des Kaczkowski oder

Podfilipski des Weyssenhof, reich veranlagt, feinfühlig, ehrenhaft,

aufser des Haltes der besten Gesellschaft ohne Halt, alle

reichen Mittel schliefslich verwendend, um eigenes und fremdes

Glück zu zerstören; seine Aniela liebt Ploschowski nur darum,

w^eil sie Frau Kromizka geworden ist und ihm nicht mehr angehören

kann oder will; in Aniela Ploschowska hätte ihn die

Kälte der Polinnen, über welche schon Morstin und Laski

klagten, vor 350 Jahren, und die Ploschowski von ihnen stets

verscheuchte, in die Arme einer Künstlerin wie Klara Hilst oder

einer neuen Species der verschiedenen Laura Davis aus Monako

getrieben.

Wie es mit der j-slavischen Unproduktivität« steht, zeigte

sein nächster, nicht historischer oder psychologischer, der

Familienroman »Die Familie Polaniezki« : ein Edelmann, der

arbeitet, allerdings ohne die Pedanterie seines bürgerlichen Teilnehmers,

aber energisch, vernünftig; kein »Australier« oder

»Argonaute« , sondern mit dem Lande und seinen Traditionen

verwachsen, sein Herzensbedürfnis stillend, Versuchungen ausgesetzt

und erliegend , um desto reuiger zu seinen Penaten zurückzukehren

: eine bourgeoise Schablone somit, aber welch Leben

und welche Gestalten, urpolnisch bis in die feinsten Fasern, in

keiner anderen Gesellschaft oder Nation sich wiederholend. Panslavistische

Anwandlungen, mystische Affektionen, polnischer

Leichtsinn; Skeptiker, Idealisten, Glücksjäger; Dichter, Künstler^

Landedelleute ; eine Galerie von Frauen, aufopfernder Mütter,

herzloser Kokettinnen, die ideal vollendete Marynia, eine »kühle«

Polin , ohne Posen und Grimassen , desto tiefer , inniger , aufrichtiger

liebend; eine unendliche Skala immer neuer Töne und

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine