Geschichte der polnischen Litteratur

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Geschichte der polnischen Litteratur

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tyrannischer Schuld vor Gottes Augen treten? Wie soll man

nicht fürchten, dals zu Gottes Strafe dafür Heiden solche Macht

und absolutum dominium über uns erlangen werden V ... So hat

dieses Königreich seine Unterthanen, die elenden Würmchen, von

denen wir alle leben, versorgt.«

»Was soll ich mit dir anfangen,« rief der Prediger aus,

:> unglückliches Königreich? Wer hier auf euch sieht, die aus

allen Gegenden des Landes Versammelten und die Häupter des

Volkes, und wer euer Thun und Treiben betrachtet, der kann

ermessen, was für Gottlosigkeiten und Sünden innerhalb der

ganzen Krone herrschen. Wäre ich ein Jesaias, würde ich blofsfüfsig

und halbnackt w^andeln, rufend über euch Ausschweifer

und Ausschweiferinnen, Übertreter und Übertreterinnen ....

Fürchtet euch doch vor diesen Androhungen ! W^ohl habe ich

keine besondere Offenbanmg vom Herr Gott über euch und

euren Untergang, aber eine Botschaft an euch habe ich vom

Herr Gott und habe den Auftrag, auf dafs ich eure Bosheiten

weise und die Strafen dafür künde. Alle Königreiche, die da

fallen sollten, hatten derlei göttliche Boten und Prediger, die ihnen

ihre Sünden vor Augen hielten und ihren Fall verkündeten.«

Ein bürgerlicher Masure war es, dieser beredteste und unerschrockenste

Prediger des 16. Jahrhunderts, und bürgerlich

waren auch die anderen Leuchten der polnischen Kanzel, namentlich

Stanislaw Sokolowski, der Hofprediger des Königs Batory,

dessen Werke in ganz Europa gedruckt wurden,

dessen lateinische

Predigten — Bator\' sprach kein Polnisch — übersetzt und umgearbeitet

wurden noch im 17. Jahrhundert, das verwachsene

Männchen, hoch verehrt von den Zeitgenossen, das auch die »Krone«

gegen ihre bösen Söhne die Klagen ausstofsen liels, das Andenken

des verunglimpften Königs lebhaft verteidigte und die Protestanten

durch Veröffentlichung der abweisenden Antwort des Patriarchen

von Konstantinopel, an den sie sich gewandt hatten, v^or Europa

blofsstellte ; zugleich der erste \'erfasser einer Anleitung zur Homiletik.

Wie jener Jesuit imd dieser Weltgeistliche, so stellte auch

der Dominikanerorden treffliche Kämpen, Lukas von Lemberg,

der den Untergang Polens so anschaulich schilderte, dafs alle

erschrocken zitterten, als stünde Gottes Gericht unmittelbar

bevor; oder Melchior aus Mosciska, in welchem dem Orden ein

neuer S. Hyazinthus gekommen schien, der Bistümer und Erz-

Brückner, Geschichte der polnischen Litteratur. 5

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