Leseprobe Vaters Rückkehr

shop.ksta.de

Leseprobe Vaters Rückkehr

Alfred Neven DuMont

Vaters Rückkehr

Roman

| Hoffmann und Campe |


1. Auflage 2011

Copyright © 2011 by

Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg

www.hoca.de

Satz: Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin

Gesetzt aus der Adobe Garamond Pro

Druck und Bindung: Friedrich Pustet, Regensburg

Printed in Germany

ISBN 978-3-455-40348-0


Vaters Rückkehr


Samstag

Es war ein schöner Tag. Samstagmorgen, Wochenende.

Ich schlief eine halbe Stunde länger als sonst, und als ich

meine Augen aufschlug, war Maries Platz neben mir im

Bett verlassen. Sie hatte wohl unruhig geschlafen, wie

es Frauen gelegentlich machen, denn das Bettzeug war

warm und zerknittert. Durch den einen Spaltbreit geöffneten

Vorhang blinzelte die Morgensonne herein, es

war Sommer. Kühle, erfrischende Luft strömte in den

verdunkelten Raum. Meine Gedanken schweiften voraus.

Wir würden mit den Kindern hinaus zum Friedhof

fahren, wo Maries Eltern begraben lagen. Ein Ritual,

das an jedem Tag, der für die kleine Familie wichtig war,

stattfand: Die Todestage der Eltern, die Geburtstage

von Marie, von unseren beiden Töchtern und seit einiger

Zeit sogar von mir wurden am heiligen Grab von

Vater und Mutter bedacht. Damit war ich in den engsten

Kreis, in Maries Kernmannschaft, wie sie es nannte,

aufgenommen.

Die Stille war das Schönste. Da war der Traum zurück:

Ein Regenbogen. Ein Regenbogen so schön wie nie zuvor:

ein breites Band, das sich vor meinen erstaunten

Augen vom Boden himmelwärts erhob und hoch über

mir in einem weiten Bogen wölbte, um mit der Mutter

Erde zu verschmelzen. Blaue, rosa, grüne, gelbe und violette

Streifen, die ineinanderflossen, eine überirdische

Harmonie. Warum der Regenbogen? Ich hatte keinen

Regenbogen mehr gesehen, seit ich ein Kind war. Sind

7


Regenbogen nicht längst verschwunden, genauso wie

die Glühwürmchen in der Nacht, weil die Menschen sie

vertrieben haben? Und leben nur noch in der Phantasie

derer fort, die sich erinnern und sie vermissen? Warum

rottete die Menschheit sich nicht zusammen, um zu

protestieren, zu demonstrieren: Gebt uns den Regenbogen

zurück, rettet den Regenbogen! Weil Kinder ohne

Regenbogen keine Kinder mehr sind.

Ich streckte mich behaglich aus. Wie gut es ist, dachte

ich, erwachsen zu sein. Kein Großer mehr, der einen herumscheucht,

frei zu sein von jemandem, der das Kommando

hat. Selbst zu entscheiden. Ja, das war es: Jetzt

bin ich selbst ein Großer, ging mir durch den Kopf.

Ich öffnete meine Augen: Heute brauchte ich weder

mich noch meine Familie in Bewegung zu setzen, zur

Eile zu drängen. Heute sollten umgekehrt Marie und

die Mädchen mich antreiben, bei der Hand nehmen.

Ich war bei Gott kein Macho. War ich nicht ein guter

Ehemann und Vater? In einem Haushalt mit drei Frauen

musste man sich gelegentlich selbst loben, sonst wurde

man untergebuttert.

Ich erhob mich langsam und versuchte mit den Händen

meine wirbligen Haare zu glätten. Auf dem Weg ins Badezimmer

hörte ich Geräusche aus der Küche. Barfuß

schlenderte ich hinüber. Marie stand nackt am Herd, nur

mit einer kurzen Schürze bekleidet, und zeigte mir ihren

bloßen Rücken – ein unwiderstehlicher Anblick.m

Ich schlich mich leise an sie heran und drückte mich fest

an sie, indem ich meine Arme um sie schlang und meinen

heißen Atem in ihr Ohr blies. In jede Hand nahm

ich eine ihrer Brüste, diese von mir vergötterten Brüste,

8


die, wie ich manchmal im Übermut gesagt hatte, der

eigentliche Anlass für mein Ehegelöbnis gewesen waren.

Marie ließ sich nicht stören, und ich beobachtete, wie

sie in aller Ruhe heißes Wasser aus dem dampfenden

Kessel in die bereits erwärmte Teekanne goss. Als ich

an ihrem Ohrläppchen knabberte, brach sie das Schweigen:

»Na, du kleiner Casanova!« Und drehte sich mir zu,

um langsam ihre geöffneten Lippen meinem Gesicht zu

nähern. Der Kuss, den ich mir nahm, versetzte mich in

einen wohligen Taumel. Schon wollte er mich zu Boden

gleiten lassen, als sie mich festhielt und ich sie in Richtung

Schlafzimmer schob. In diesem Augenblick schlugen,

laut und wohlklingend, die Glocken vom nahen

Kirchturm. Aber ich war schon weit entrückt und nahm

das Läuten nur flüchtig wahr, als ich sie aufs Bett warf.

Sie flüsterte: »Ist es keine Zeit für …« Aber die beiden

Körper, seit mehr als sieben Jahren eins, spulten bereits

den Film in altgewohnter und liebgewonnener Weise

ab: Sie verschmolzen ohne Mühe und wie von allein. Sie

bewegte sich unter mir mit entrücktem Blick. Aber ich

ließ mich nicht täuschen: Sie war nach der Pirsch die

Siegerin und ich die Beute.

Mein Ende zeigte sich vorschnell mit einem unterdrückten

Schrei an. Als ich mich langsam zur Seite rollte,

schloss ich die Augen. Aufs Neue griff der Schlaf nach

mir, als ich von Anns Stimme zurückgerufen wurde:

»War das wieder euer Ringkampf?« Ich spürte sie nah

hinter mir: »Ich glaube, Papi hat verloren, er sieht ganz

erledigt aus.«

Ich setzte mich behutsam auf und sah in Maries gerötetes

Gesicht, das vor Kraft zu strotzen schien. »Wie kommst

9


du darauf, Ann? Wenn wir kämpfen, gibt es keinen Verlierer.

Es gibt nur Sieger«, belehrte ihre Mutter sie.

»Nein, nein, es muss einen Verlierer geben, den gibt es

in jedem Spiel! Und Papi hat verloren: Hurra, wir Mädchen

haben gewonnen!«, beharrte Ann mit ihrer hohen

Kinderstimme. Sie war die ältere unserer Zwillinge. Voll

des Stolzes waren die beiden Mädchen erst vor ein paar

Wochen an der Hand ihrer Mutter mit einer Riesentüte

bewaffnet zum ersten Mal in die Schule gegangen.

»Dein Papi ist alt, so viele Jahre alt wie wir drei zusammen,

das dürft ihr nie vergessen. Wir drei, du und Sophie

und ich, müssen immer sehr lieb zu ihm sein.« Ich

hörte ihren besänftigenden Ton und sah den Ausdruck

ihrer Augen, die im Gegensatz zu den mitfühlenden

Worten nichts Gutes verkündeten. Ann streichelte mit

ihren kleinen Händen mein Gesicht, und als sie sich

abwandte, zischte mir Marie zu: »Du Versager!« Dabei

kniff sie, die brave Pastorentochter, die ich vor sieben

Jahren als halbe Jungfrau in meine Arme genommen

hatte, mir in den Bauch. Als wir aufstanden, flüsterte

sie begütigend: »Ich verzeihe dir, mein armer Liebling.

Vielleicht bin ich wirklich zu jung für dich, für den

Ernst des Lebens, für einen so gesetzten, gereiften Ehemann.«

Ich lächelte und streichelte ihr Gesicht: »Ach, Unsinn!

Ich liebe dich, wie du bist. Was wäre eine Frau, die nicht

ein wenig spinnt! Vor allem gibst du niemals auf. Deine

Phantasie schon gar nicht.«

»Was habe ich dir gesagt: Heirate nie eine Pastorentochter.

Du heiratest nicht nur sie, sondern auch ihren Vater

und ihre schlimme Phantasie.«

10


Wenig später kam ich aus der Dusche und wickelte mir

ein Handtuch um die Hüfte. Geblendet von den Deckenstrahlern,

kniff ich die Augen zusammen, um mich

im Spiegel besser erkennen zu können. Mein erster Eindruck

war: Nicht so schlecht. Der Körper war für einen

Mann Anfang vierzig, der zu wenig Sport treibt, weil er

sich einredet, keine Zeit zu haben, durchaus passabel.

Aber es war sicher an der Zeit, etwas zu tun. Eher etwas

größer als der Durchschnitt, mit vollem Haar, das weder

hell noch dunkel war und ein Gesicht umrahmte, das

gut geschnitten war und, wie ich fand, nicht unsympathisch

schien. Glattrasiert, eine leicht gebogene Nase,

blaue Augen, die zuweilen stechend blicken konnten,

und volle Lippen. Ich kam zu dem Schluss, dass ich

durchaus eine vorstandstaugliche Erscheinung war, zuverlässig,

sachbezogen und treu. Treu? Treu innerhalb

einer Kulanz, die sich verwöhnte Männer im besten

Alter einräumen. Ansonsten strahlte ich die Ruhe und

Insistenz eines Mannes aus, auf den man sich verlassen

konnte, einigermaßen verlassen konnte, fast immer

verlassen konnte. Der letzte Eindruck war der einer

Wendigkeit des Körpers, die eine gewisse Schlankheit

voraussetzt. Hatte nicht Vater dieselbe Statur gehabt wie

ich heute? Die Erinnerung leuchtete auf.

Wochenende. Keiner musste ins Büro oder in die

Schule. Unser Frühstück zu viert war immer etwas

Besonderes, spät, nie vor neun Uhr. Es war ein wunderschöner,

schon warmer Sommermorgen, wir saßen

draußen auf dem Balkon und schauten auf unseren

verwilderten Garten hinunter. Marie in ihrem weiten

11


Morgenmantel, wir drei in unseren Pyjamas, die Haare

gebürstet, das Gesicht gewaschen, die Zähne geputzt.

Oben am Tisch saß ich als Familienoberhaupt, rechts

und links Ann und Sophie mit ihren blonden Zöpfen

und den unschuldigen Wochenendmienen. Mir gegenüber

Marie, geduscht und ebenfalls mit unschuldiger

Wochenendmiene. Ich versuchte, meinen Blick auf

das Frühstücksei, den Schinken und die Marmelade zu

konzentrieren, aber er wurde immer wieder von meiner

geliebten Ehefrau in der Morgensonne abgelenkt. Ich

konnte mich einfach nicht von ihrem Anblick losreißen.

Sie spürte das, schickte mir einen verliebten Blick über

den liebevoll gedeckten Tisch. Die Rosen, die ich ihr

geschenkt hatte, standen auf dem Tischtuch. Ich musste

meinem Glück Ausdruck verleihen: »Liebe Mädchen,

ist das nicht ein herrlicher Tag, die Sonne zu Besuch!

Aber mein Glück und mein Stolz, das seid ihr, du, Ann,

du, Sophie, und du, Marie! Und dass ihr drei zu mir

gehört, mir gehört …«

»Amen!«, rief Sophie dazwischen. Rührung überfiel

mich.

Ich hob meine Teetasse: »Aber eine Pastorentochter sollte

es sein. Und eigentlich hätte ich ein Pastor sein sollen.

So war es doch, Marie?«

»Wenn es nach meinem Vater gegangen wäre«, meinte

sie.

»Der Wunsch des Vaters ist heilig«, antwortete ich.

Marie lachte: »Dann würdest du jetzt nicht mit uns

dreien hier sitzen, mein Lieber.«

»Dir zuliebe wäre ich sogar Pastor geworden, dir zuliebe

hätte ich auch meinen Glauben gewechselt. Sonst hätte

12


ich mich ja um die Phantasie der Pastorentochter gebracht:

schreckliche Vorstellung.«

»Gut, aber ein Pastor weiß Phantasien, die ihm zu weit

gehen, zu begegnen, ihnen ein Ende zu bereiten. Das

kannst du nicht.«

»Ist das so schlimm? Eigentlich doch schade.«

»Weiß ich nicht … Vielleicht muss ich darüber nachdenken.

Vater war der Maßstab. Wenn ich nicht weiterwusste,

tat es gut, mich bei ihm anzulehnen. Er fehlt

mir.«

»Wie war das noch mal: Ist dein Vater schon lange tot?«,

fragte Ann.

»Ja, er starb kurz nach eurer Geburt. Er ist viel zu

früh …«

»Und Papis Vater?«, wollte Sophie wissen. »Nie erzählt

er uns was von ihm.«

»Da musst du ihn selber fragen. Das war alles lange bevor

ich Papi kennengelernt habe«, sagte Marie.

»Ja, lange vorher. Genauso meine Mutter. Viel zu früh!

Umso glücklicher bin ich heute, euch zu haben.«

»Papi, dein Ei wird kalt«, ermahnte mich Ann.

Später gingen wir zusammen in den Zoo. Obwohl wir

fast alle Tiere, die großen und die kleinen, von ausgiebigen

früheren Besuchen kannten, war die Aufregung

wieder groß, auch bei Marie. »Meine älteste Tochter!«,

sagte ich lächelnd zu einem vorbeikommenden Kollegen.

Während einer kurzen Pause im Café, wo wir Eis aßen,

saßen Schwarze am Nebentisch: eine junge Familie,

vielleicht in unserem Alter. Der Mann, ein selbstbewuss-

13


ter, großer Mann mit einem klaren Gesichtsausdruck,

schaute zu Marie hinüber, für meinen Geschmack ein

bisschen zu lang. Aber Marie schien das zu gefallen.

Vielleicht war ihr sommerliches Kleid ein wenig zu weit

ausgeschnitten, ging es mir durch den Kopf. Als wir

später den Zoo verließen, fing es an zu regnen. Am Ausgang

stand wieder der Schwarze, völlig entspannt, als

ob ihm der einsetzende Regen nichts anhaben könnte.

Abermals sah er Marie an, die seinem Blick ganz selbstverständlich

begegnete, als ob sie Freunde wären. Ich

drängte zur Eile.

Am späten Nachmittag fuhren wir mit dem Auto hinaus

zum Friedhof. Ein würdiges Grabmal, ein Engel

aus Marmor im Profil, so als wenn er irgendwohin aufbrechen

würde. Marie erzählte unseren Töchtern von

ihrer Mutter, die in diesen Tagen ihren Sterbetag hatte.

Sie erzählte ihnen, wie sehr sie ihre Eltern geliebt hatte

und dass sie hoffe, dass ihre beiden Töchter eines Tages

ebenso liebevoll ihren Kindern von ihr, ihrer Mutter, erzählen

würden. Wieder fragten Ann und Sophie nach

meinen Eltern.

»Das habe ich doch schon erzählt: Meine Mutter ist

früh gestorben. Ich habe sehr an ihr gehangen. Wir waren

ein Herz und eine Seele. Ich habe mich lange nicht

von ihrem Tod erholt. Ja, das war sehr, sehr traurig für

mich. Ich war damals kaum älter als ihr.«

»Und dein Papa? Du erzählst nie was von ihm«, fragten

sie weiter.

»Ihr habt mich ja nie nach ihm gefragt.«

Die Mädchen legten vor dem Grab von Maries Eltern,

das mit einem alten schmiedeeisernen Kreuz ge-

14


schmückt war, Blumen nieder. Bunte Sommerblumen,

Margeriten, Kornblumen und Mohn, die sie unterwegs

auf einer Wiese gepflückt hatten. Marie nahm Ann und

Sophie an die Hand, die drei standen andächtig vor dem

Grab, sie sprach leise ein Gebet, die Kinder versuchten,

die Worte nachzuplappern. Ich stand hinter ihnen, Stolz

ergriff mich. Hier, wo wir für Maries Mutter beteten,

gingen meine Gedanken zurück zu meiner geliebten

Mutter. Die Wunde, die ihr Tod in mir gerissen hatte,

schloss sich endlich nach so vielen Jahren der Einsamkeit

und der Irrungen. Die vor mir betende Frau und die

beiden schmalen, zierlichen Mädchen an ihrer Seite hatten

mein Leben in die Hand genommen. Verdankte ich

nicht diesen drei Menschen meine Zuversicht, die mir

Schwingen schenkte, selbst meine Arbeit be flügelte?

Auf dem Weg durch die Allee, die rechts und links von

schmalen, hohen Pappeln gesäumt war, in deren Wipfeln

der Wind spielte, ging ich dicht neben Marie, meinen

Arm um ihre Schultern gelegt. Die Kinder sprangen

voraus wie Windspiele. Die Blätter hoch oben an den

Bäumen tanzten, als ob sie sich etwas zu erzählen hätten.

Ich glaubte, das Geräusch zu hören. Es gab so viel

zu hören, dachte ich und flüsterte Marie zu: »Das war

ein schöner Tag! Ich danke dir.« Sie lächelte versonnen,

aber ihre Gedanken, das wusste ich, waren weit, weit

weg.

Die Kinder lagen bereits im Bett, und wir saßen auf

dem Balkon in der Dämmerung bei einem Stück Käse,

ein wenig Brot und einem Glas Rotwein. Ich hatte mein

Hemd aufgeknöpft, eine unerträgliche Schwüle hatte

15

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine