Heuschrecken sind coole Säue - Hinterland Magazin

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Heuschrecken blicken dich an. Sie blicken auf dich herab: Hätten die Besitzlosen ein vergleichbares

Klassenbewusstsein wie die Heuschrecken, wäre der ganze Spuk schon lange vorbei.


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Heuschrecken sind coole Säue

Finanzkrise. Wieder einmal. Antikapitalismus ist en vogue in Zeiten wie diesen. Die Linken schaffen es nur

nicht, ihre Kapitalismuskritik ins Feld zu führen. Es gelingt ihnen noch nicht einmal, sich von rechten

KleinbürgerInnen abzugrenzen. Von Caspar Schmidt.

Foto: Friedrich C. Burschel

Herr Prof. Dr. Sinn, der Vorsitzende des Ifo-Instituts

für Wirtschaftsforschung, liebt volkswirtschaftliche

Modelle. Wird er etwas gefragt, zeichnet er

diese Modelle eindrucksvoll mit dem Finger in die

Luft. Niemand versteht es wie er, höchste Wirtschaftsmathematik

in eine so einfache Form zu

gießen. Schon nach einem kurzen Fernsehbeitrag

mit Prof. Dr. Sinn fühlen sich Hans und Helga in

der Lage, den wissenschaftlichen Grund für ihre

plötzliche Arbeitslosigkeit, allein mit Erdnüssen

und Kronkorken, auf dem Wohnzimmertisch nachzustellen.

So unterschiedlich die Modelle auch

scheinen, der Sinn ist immer der gleiche: Mehr

Marktwirtschaft wagen!

Jetzt, in diesen schweren Stunden der Finanzkrise,

darf Prof. Dr. Sinn natürlich nicht fehlen. So eilten

die Redakteure der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

sogleich herbei, um niederzuschreiben, was

das Wirtschaftsorakel zu verkünden hat. Doch

diesmal hat Prof. Dr. Sinn kein Modell zur Hand.

Er überrascht mit einem medizinischen Befund:

In Amerika sind Häuslebauer und Investmentbanker

zu Spielern geworden. Sie haben viel zu viel

Risiko gesucht. Das Problem war, dass jeder - ob

Putzfrau oder Taxifahrer - ein Haus kaufen sollte.

[...] Wenn Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann

sagt, 25 Prozent Eigenkapital-Rendite müssten ihm

seine Investment-Banker verdienen, dann zeigt das

doch nur, dass der amerikanische Infekt auch

begonnen hatte, sich in Deutschland auszubreiten.

Der Vorsitzende des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung

stieß bei seiner wissenschaftlichen Untersuchung

der Finanzkrise also auf eine Viren-Epidemie.

Die BürgerInnen Amerikas haben sich mit

dem heimtückischen Virus infiziert und verwandeln

sich nun alle in Spieler. Die Krankheit erfasst

Investmentbanker, Taxifahrer und macht auch vor

Putzfrauen (!) nicht halt. Sogar Herr Ackermann ist

schon infiziert und der amerikanische Virus droht

sich nun auch in Deutschland auszubreiten. Aha.

Auf die letzte Frage der FAZ-Redakteure, welche

Lektion der Finanzkrise abzuringen sei, stellt Prof.

Dr. Sinn noch einmal das Wesentlichste und

zugleich Beruhigendste heraus: „Wir in Deutschland

[sind] unschuldig“. Das hören Hans und

Helga immer gerne.

Die Big-Band des kleinen Mannes

Was der hochdekorierte Wirtschaftswissenschaftler

da von sich gibt, mag seltsam mysteriös erscheinen,

sein Argumentationsschema ist aber so alt wie

verbreitet. Auch wenn Prof. Dr. Sinns Viren-Epidemie-Theorie

eine durchaus virtuose Fassung der

alten Leier ist, ist die Melodie bekannt. Die ApologetInnen

der Marktwirtschaft flüchten sich gerne

ins Irrationale, wenn ihr idealisiertes System Makken

hat. Die Ursache für die Macken wird nie der

Ordnung an sich angelastet, sondern es werden

irgendwelche Gruppen gefunden, die aus kranken

oder niederen Gründen die ansonsten perfekte

Ordnung ins Ungleichgewicht brächten. Anders als

Prof. Dr. Sinn poltert Innenminister Schäuble mit

seiner Strophe von den „gesetzlosen Wirtschaftseliten“

ungleich geräuschvoller. In väterlichem Alt

begleitet ihn dabei Wirtschaftsminister Glos, der

die „Gier und Maßlosigkeit der Spekulanten“

anprangert. Norbert Blüm drängelt sich als selbsternannter

„Kapitalismuskritiker“ ins Rampenlicht

bei Maybrit Illner und trägt sein Ständchen von

den „maskierten Finanzkapitalisten“ vor. „Das hat

alles nichts mehr mit ehrlicher Arbeit und Eigentum

zu tun“, so Blüms „kapitalismuskritisches“ finito

kurioso. Wer meint, die SPD wäre beim

Deutschland-sucht-den-Super-Sündenbock-Contest

nicht mit von der Partie, der irrt. SPD-Fraktionschef

Struck braucht man derzeit nur ein Mikrophon

unter den Bart zu halten und schon ist ein Sample

vom „raffgierigen Reichen“ aufs Band genuschelt.

Herr Stiegler haut wie immer kräftig auf die Pauke:

„Wir sagen diesen Typen: Nie wieder!“ Der SPD-

Mann, dessen Gesichtsfarbe sich oftmals kaum von

seinem roten Pullunder abhebt, fügt dem noch

hinzu, dass nun endlich Schluss sein müsse mit

den „Wildwest-Manieren“.

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Mit Herrn Stiegler sind wir nun inhaltlich da angelangt,

wo Prof. Dr. Sinn aufhörte. Der SPD-Linke

Stiegler und der Neoliberale Sinn scheinen im

Ergebnis mit ihrer „Analyse“ gar nicht weit auseinander.

Beide verorten die Ursache für die Finanzkrise

bei einer Gruppe aus „Spielern“ oder

„Typen“, die unter einem amerikanischen „Infekt“

litten oder die amerikanische Prägung bestimmter

„Manieren“ an den Tag legten, welche die Krise

auslösten. Der Kapitalismus selbst ist freilich nicht

schuld. Es gibt ja immer noch den guten, ehrlichen

oder auch wahren Kapitalisten.

Exkurs: linke und rechte Kapitalismuskritik

In diesen Tagen fällt oft die Jahreszahl 1929 in

Anspielung auf die „Lehren“, die man aus der bislang

heftigsten Finanzkrise des Kapitalismus gezogen

hätte. Werfen wir einen Blick auf das häufig

erwähnte Jahr 1929 und auf jene Kapitalismuskritiken,

die diese Zeit am stärksten prägten.

Die linke Kapitalismuskritik, speziell die marxistische

Linie, ist eine Kritik an der Warengesellschaft.

Im Zentrum der Analyse steht die kapitalistische

Produktionsweise, die nach Marx gesellschaftliche

Klassen hervorbringt und in sich krisenhaft ist. Als

antikapitalistisch wird der Weg angesehen, diese

kapitalistische Produktionsweise durch die Emanzipation

der besitzlosen Klasse zu überwinden. Dies

erfolge durch die Vergesellschaftung der Produktionsmittel.

Marx betont explizit, dass der einzelne

„Kapitalist“ nicht verantwortlich für die Verhältnisse

ist, sondern ebenso ein Geschöpf seiner Verhältnisse

wie jeder andere, „sosehr er sich auch subjektiv

über sie erheben mag“.

Die rechte Kapitalismuskritik, speziell die Linie der

NSDAP, teilt das Kapital auf in „raffendes“ und

„schaffendes“ Kapital. Das „raffende Kapital“ ist

das Kapital der „Hochfinanz“, hinter der eine

Gruppe düsterer Personen stecke, deren Ziel es

sei, mit allen Mitteln Macht über das deutsche Volk

zu erlangen und sich daran zu bereichern. Das

„schaffende Kapital“ hingegen sei das Kapital des

grundguten deutschen Unternehmers und des

deutschen Staates. Dieses Kapital diene Volk und

Vaterland. Als antikapitalistisch wird der Weg angesehen,

die arglistige Gruppe hinter dem „raffenden

Kapital“ zu „demaskieren“ und mit „Stumpf und

Stil“ aus der deutschen Gesellschaft zu „entfernen“.

Die „wirklichen“ und

die „unwirklichen“ Eigentümer

Diesen unterschiedlichen Auffassungen zum Kapital

geht eine unterschiedliche Auffassung von

Eigentum voraus. Die Meinungsverschiedenheiten

zur Eigentumsfrage waren auch im Jahre 1929

nicht neu. Schon im Jahre 1847 kritisierte Marx die

deutschen Vertreter des „wahren Sozialismus“

dafür, den Eigentumsbegriff „zu verwässern“.

Ein anderes Stichwort der wahren Sozialisten ist

das „wahre Eigentum“, das „wahre, persönliche

Eigentum,“ „wirkliche“, „gesellschaftliche“, „lebendige“,

„natürliche“ ppp. Eigentum, [...] [Doch] in

der Wirklichkeit stehen auf der einen Seite die

wirklichen Privateigentümer, auf der andern die

Eigentumslosen [...] Wenn also die theoretischen

Vertreter der Proletarier irgend etwas durch ihre

literarische Tätigkeit ausrichten wollen, so müssen

sie vor Allem darauf dringen, daß alle Phrasen entfernt

werden, die das Bewußtsein der Schärfe dieses

Gegensatzes schwächen, alle Phrasen, die diesen

Gegensatz vertuschen. (Band II Deutsche Ideologie)

Zwischen raffenden und nicht-raffenden

Kapitalisten zu unterscheiden bedeutet

Klassengegensätze vertuschen

Mir liegt es fern, den Musikern der Big-Band des

kleinen Mannes nationalsozialistische Denkweisen

zu unterstellen. Dazu fehlt die explizit antisemitische

Komponente, die die Nationalsozialisten dem

„raffenden Kapital“ anhefteten. Aber wenn Herr

Blüm zwischen „maskierten Finanzkapitalisten“

und dem guten „Eigentum“ unterscheidet, dann

steht er damit zumindest in der rechten Tradition,

die Klassengegensätze zu vertuschen und von

einer Kritik des Ganzen abzulenken. Dieser kleine

Exkurs erhellt nun, so hoffe ich zumindest, den

Sachverhalt, warum Herr Stiegler von der SPD ein

ähnliches Ergebnis bei der Bewertung der Finanzkrise

vorzutragen hat wie der Neoliberale Prof. Dr.

Sinn. Sie beide sind im Geiste der rechten KleinbürgerInnen

geblieben, oder wie Peter Sloterdijk

es kürzlich fomulierte: „das sind doch alles kleine

Beamte, die hinter ihrem Postschalter aufgestanden

sind und Weltpolitik machen wollen“.

Es verwundert ja nun nicht, wenn rechte PolitikerInnen

rechtes Zeugs reden. Es ist auch klar, dass

eine SPD-Veranstaltung kein Hort der Kapitalismuskritik

ist, sondern eine Ansammlung von SpießerInnen

mit Familienkutsche und Schrebergarten,

deren Ziel es nicht ist, den Kapitalismus in Frage

zu stellen, sondern das größtmögliche Stück vom

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Kuchen selbst zu ergattern. Die Sorge um den

eigenen Schrebergarten ist vielleicht auch der

Grund dafür, dass sich die Heuschrecke auf SPD-

Veranstaltungen als optimales Schreckgespenst eignet.

Es ist durchaus vorstellbar, dass Franz Müntefering

bei seiner Suche nach einem geeigneten

Tiervergleich für „gierige Spekulanten“ erst eine

Weile zwischen Schnecke und Blattlaus

geschwankt ist, im Wissen, dass dieser Vergleich

den schrebergartenaffinen GenossInnen den Angstschweiß

auf die Stirn zaubert. Der zuletzt ersonnene

Heuschreckenvergleich ist aber natürlich um

einiges eindrucksvoller, da die biblische Anlehnung

auch bei ChristInnen (mit und ohne Schrebergarten)

gehörig einschlägt.

Die so genannten Linken

Wer meint, ausgerechnet der „Fremdarbeiter“ der

Linkspartei, Oskar Lafontaine, würde die Kapitalismuskritik

nun schon vom Kopf auf die Füße stellen,

muss selbst an unheimlich blutleeren Füßen

und hochrotem Kopf leiden. Lafontaine schwadroniert

auf der Website der Linken, der Staat habe

sich mit „Heuschrecken“ eingelassen, ganz der Tradition

der rechten KleinbürgerInnen verhaftet.

Aber immerhin redet Lafontaine noch weniger finster

als Günter Wallraff, der „raffgierige Großspekulanten

und Finanzjongleure“ zu erkennen

scheint, die schon „in ihren Startlöchern lauern“,

um das „große Rad weiterzudrehen“. Der begehrte

Entdeckerpreis in Sachen verschwörerische Hochfinanz

geht aber eindeutig an Attac Deutschland, die

auf ihrer Startseite verlauten lassen, die Krise sei

„die direkte Folge der Gier und Skrupellosigkeit

der Banker“. Diesen Machenschaften seien Tür

und Tor geöffnet worden, weil die „Finanzlobby

die Politiker für sich gewinnen“ konnte.

Diese linken Chorknaben unterscheiden sich mit

ihrem rechten Geschwurbel in ihrer Kleinbürgerlichkeit

keinen Millimeter von Blüm, Glos, Stiegler,

Sinn und den [guten] deutschen UnternehmerInnen,

die heute gebetsmühlenartig fordern, man

müsse wieder zu einem „gesunden Kapitalismus“

zurückfinden, indem man verantwortungsvoller mit

dem Privateigentum umgehe.

Heuschrecken setzen Privateigentum in den Sand -

oh wie gruselig!

Im Gegensatz zum kleinen Mann und seinen linken

Mitmusikanten machen BörsianerInnen eine

weit bessere Figur. Diese Leute lügen sich wenigstens

nicht in die Tasche, sie handelten im Interesse

aller. Sie kreuzen morgens im komfortablen

Schlitten vor Börsen und Unternehmen auf, genehmigen

sich vielleicht noch eine Prise Koks zum

Wachwerden und erhalten für ihr Wirken Millionen.

Abends rocken sie die angesagtesten Clubs

der Stadt und hauen nach allen Regeln der Kunst

auf die Kacke. Sie setzen auch mal ein paar Milliarden

Euro fremdes Privateigentum in den Sand

und es schert sie das Gejammer der ach so armen

Privateigentümer nicht, weil sie wissen, diese können

gar nicht ohne sie. Sie haben den Kapitalismus

verstanden, sie sind sich ihrer Klasse

bewusst, und sie machen niemandem vor, es sei

anders. Gehasst werden sie genau deshalb. Sie

wissen, wie der Kapitalismus funktioniert und halten

sich daran.

Heuschrecken beschönigen keine Klassengegensätze,

sondern sie leben sie aus. Deshalb sind sie

auch ein Dorn im Auge der KleinbürgerInnen,

denen es darum geht, Klassengegensätze zu verwischen

und die Möglichkeit eines „guten“ Kapitalismus

weiter zu träumen. Heuschrecken heben

sich von der morbiden Spießigkeit und pseudosozialen

Ideologie ihrer KlassenvertreterInnen im

positivsten Sinne ab. Im Grunde sind die Heuschrecken

die einzigen coolen Säue ihrer Klasse.

Für sie existieren nur Privateigentümer und Besitzlose,

kein „raffendes“ oder „schaffendes Kapital“,

sondern nur das Kapital und seine Rendite. Hätten

die Besitzlosen ein vergleichbares Klassenbewusstsein

und einen ähnlich kompromisslosen Blick auf

das Privateigentum wie die Heuschrecken, wäre

der ganze Spuk schon lange vorbei.<

Caspar Schmidt

bezieht hier Stellung.

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