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Zur Sprachlehre

HANDEL MIT SPRACHGUT

Es gibt wenige Motive der Fackel, die noch nicht von deren Lesern mißverstanden

worden wären, und allen Bitten zum Trotz erfolgt, um es zu beweisen,

die Zusendung von Zeitungsausschnitten und sonstigem Material, das im

Fall der Tauglichkeit ja noch unerwünschter ist, aber zumeist doch nur die

Unzuständigkeit des satirischen Blickes dartut, der da in meiner Vertretung

die Welt betrachten zu sollen glaubt. Von einem solchen wohlmeinenden Helfer

wird mir, sichtlich mit Anknüpfung an das Motiv der geschändeten deutschen

Sprachdenkmäler, der Prospekt eines Violinsaitenerzeugers zugesandt,

der die Verse von dem Strengen mit dem Zarten, dem Starken und dem Milden

nebst dem Ergebnis des guten Klanges verwendet und behauptet, daß die

Herstellung nach seinem Verfahren »auf Grundlage des Sinnes obigen Zitates

aus Schillers Glocke beruht«. Das wird von einem Rufzeichen eskortiert, in

der sicheren Überzeugung: da gibt es einen guten Fang. Aber uneben daran

ist nichts als die falsche Zitierung des ersten Wortes: »Wo« statt »Ob« das

Spröde mit dem Weichen sich vereint zum guten Zeichen, also die Gleichstellung

mit der folgenden Konstruktion »Denn wo das Strenge usw.« (während

es im Original doch die Ausführung von »Prüft mir das Gemisch« bedeutet).

Ein sprachliches Heiligtum nun ist die ebenso berühmte, wie leere Stelle mit

der dreifachen Antithese der analogen Begriffe und Formen (das Spröde, das

Strenge, das Starke gegen das Weiche, das Zarte, das Milde) keineswegs, ihrer

gemeinplätzigen Sinnigkeit hat sie eben die Popularität zu verdanken, die

sie längst der satirischen Verwendung preisgegeben hat. Das darf mit aller

Ehrfurcht vor dem hohen Menschentum des Versifikators solcher Lehrmeinungen,

die schon Jean Paul aus dem Bereich des Dichterischen entfernt hat,

gesagt werden. Sicherlich läßt sich jedoch ernsthaft, ohne Blasphemie und sogar

mit einem hinzutretenden Etwas von einer neuen Sinnigkeit dem Werk

der Saitenerzeugung das Rezept beischließen, das dem Glockenguß den guten

Klang sichert. Ein Fall, wo zitiert und nicht variiert wird, ist durchaus nicht

dem Erdreisten jener zahllosen Kategorien von Koofmichs und Vereinsmeiern

gleichzustellen, die in Goethes »Über allen Gipfeln« frohgemut den diversen

Interessendreck einsetzen. Es handelt sich aber nicht um Schuhwichs oder

Margarine, und daß, wenngleich in geschäftlicher Absicht, für ein Musikinstrument

gelten soll, was für die Glocke gilt, ist weder an und für sich unwürdig

noch der fatalen Geläufigkeit jener Verse unangemessen. Es wäre selbst

nichts dagegen einzuwenden, wenn ein Verschönerungsverein, Goethes Verse,

wie sie sind, zur Anpreisung einer Waldlandschaft in seinen Prospekt aufnähme,

greulich ist eben nur, daß jede Händlersorte nach der Reihe aufsagt,

wo jeweils Ruh', nämlich Geschäftsstillstand ist und was du derzeit kaum spürest

außer dem Gestank, den sie zurückläßt. Was der Einsender, der es sicherlich

besser gemeint als gedacht hat, in dem Prospekt übersah, ist weit ärger,

die eigene Sprache des Händlers. Für den weichen Klang seiner Saite,

der durch eine »Bindung zwischen Darm und Metall«, also wirklich durch so

etwas wie die zitierte Paarung entsteht, mag er sich getrost auf Schiller berufen;

aber nur im deutschen Sprachgebiet ist es möglich, daß eine Reklame in

großen Lettern einen Titel führt wie diesen:

A. B.'s nach neuem Verfahren hergestellten und temperierten Original

G und C Saiten für Streicher.

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