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lich und hörbar aus Gründen des Wohlklangs eine Abweichung erfolgt war.

Ferner auch in der Urfassung meiner eigenen Schriften, in deren späteren

Auflagen manchmal Redigierungen gegen die Grundansicht vorgenommen erscheinen.

Nachdem eben die erste Textierung gefühlsmäßig richtig durchgeführt

war, ist später, lange vor dem Bewußtwerden des Prinzips, aber nach

dem Bekanntwerden der Marotte des »Wustmann«, aus bloßer Abneigung gegen

diese, häufig auch dort »welcher« gesetzt worden, wo es, dem Sinn entgegen,

eine klangliche Rücksicht nur irgend rechtfertigen mochte. Wie immer

man nun zu dem Problem sich stellte, und gewänne man ihm keine Verpflichtung

zu konsequenter Praxis und keinen andern Wert ab als den des Zwangs,

es durchzudenken, so bliebe doch hinreichend absurd die deutsche Geltung

und Möglichkeit eines Katechismus, der das Wort »welcher« aus der Sprache

ausjäten will, weil man es »nicht spricht«. Gerade das Widerstreben gegen die

Erleichterungen der »Umgangssprache«, eines Instruments, das jedermanns

Mundstück ist, mag die saubersten Stilisten verführt haben, das begrifflich

engere »welcher« auch dort anzuwenden, wo es keinem wie immer gerichteten

Gegensinn zu »der« entspricht und nicht einmal einer Rücksicht des Klanges

oder der Abwechslung Genüge leistet.

*

»VERBIETEN« UND »SICH VERBITTEN«

Es geht und geht halt nicht. Da rufen einander zwei Anwälte zu:

»Ich verbiete mir eine solche Äußerung!« »Sie haben mir gar

nichts zu verbieten!«

Das ist fast von Nestroy, wurde jedoch von dem Gerichtssaalmann einer Redaktion,

in der die »Sprachlehre« Unruhe hervorgerufen hat, wie folgt geändert:

»Ich verbitte mir eine solche Äußerung!« »Sie haben mir gar

nichts zu verbieten!«

Eine halbe Sache, der zweite hätte dann sagen müssen: »Sie haben sich gar

nichts zu verbitten!« Auch der unverwüstliche Jobs erkannte, daß da ein Problem

sei, entschied sich aber so:

Wie lange ist es her ... daß man überhaupt wegen der »ernsten

Zeit« jedes Vergnügen verbat.

Ja, wenn man das Reden und das Schreiben durch Verbitten unterdrücken

könnte, wär's auch schon ein Erfolg.

*

NICHT ZUZUTRAUEN UND NICHT ZUZUMUTEN

ist ihnen auch nach wie vor, daß sie diesen Unterschied erfassen Da soll ein

bekannter Individualpsychologe, der in der letzten Zeit etwas viel Gemeinschaftsgefühl

durch Interviews bekundet, geäußert haben:

Wir Wiener stehen in gutem Ruf, weil man uns zumutet, daß wir

neidlos und mit freundlicher Anerkennung das Gute schätzen, wo

immer wir es finden.

Da sieht man wirklich, wie beliebt wir Wiener sind: man verlangt von uns, daß

wir das Gute schätzen, und bevor wir dieses Verlangen noch erfüllt haben,

stehen wir schon in gutem Ruf.

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