Promesse - Welcker-online.de

welcker.online.de

Promesse - Welcker-online.de

wo soll die Allgemeine Zeitung alles das nur hernehmen? Und schon ist wieder

ein Intelligenzler da — sie reichen einander die Türklinke —, der will eine

die sehr energisch, aber uneigennützig ist, dagegen lange, reiche Haare hat,

er braucht sie als Ergänzung, während ein fester Charakter auf Freundschaft

sanftmütigen Gegenpols besteht. Oft aber ist nur Frohsinn und Temperament

Bedingung. Die kuriosesten Typen tummeln sich. Man denke nur, ein trink—

und wetterfester Wanderkamerad wird unter »Nietzsche« erwartet, ein anderer

tuts nicht unter »Eroica«, eine weltfremde, verspielte Seele wünscht älteren

Herrn unter »Ruth«, ein Realpolitiker eine »Juno«, aber ohne Bubikopf,

eine gebildete Dame ersehnt »Neue Hoffnung«, eine andere bildet sich ein,

sie sei ein »rassiger Typ«, ein »Adonis« braucht Geld, ein japanischer Student

offeriert sich als »exotischen Menschen«, ein veritabler »Wiking« trägt sich

an, daneben gelüstet's einen nach einem »Naschkatzerl«, und nur wirklich liebes

del wird folgerichtig unter »Liebling« begehrt, den wieder ein »fescher

vollwertiger Intelligenzler« Darling nennt. Und zwischendurch die unübersehbare

Schar der Sensiblen, zumeist Dreißiger, die die Hauptkundschaft bilden,

der Aparten, der Nichtalltäglichen — kurzum, es geht zu, wie im G'wölb von

Nestroys Weinberl, »plötzlieh tritt neues Leben ins Merkantilische — da

kommt ein zartes Wesen um ein'n Bärnzucker, da ein Kuchelbär um ein Rosenöl,

da lispelt ein brustdefekter Jüngling: 'Ein'n Zuckerkandl', da schreit ein

kräftiger Alter: 'A Flaschel Schligowitz!', da will ein üppiges Wesen ein Halstüchel,

da eine Zaundürre Fischbeiner zu ein'm ausg'schnittnen Leibel

haben«, da will der eine ein'n Haring und die andre ein'n Kas — in solchen

Momenten muß die Allgemeine zeigen, was eine Allgemeine ist: »d' Leut'

z'samm'schrein lass'n, wie s' wollen, und mit einer ruhigen, ans Unerträgliche

grenzenden Gelassenheit eins nach'm andern bedienen.« Ja, wenn alle so anspruchslos

wären wie manche. Die wünschen »nur platonische Freundschaft«,

was ist denn dabei, ein älterer Herr, schon ganz genügsam, bittet nur um

»Ein bißchen Feuer«, einer will ja nichts als was umgekehrt zu lesen ist, ein

anderer bloß »gemeinsamen Zeitvertreib«, wiewohl man sich da auch denken

kann, was er sich da denkt. Manche verhalten sich direkt zugeknöpft, sind unwirsch

und lehnen brüsk ab, was sie wünschen; »Abenteuer ausgeschlossen«

ruft eine Dame mit Eigenheim, »Halbwelt ausgeschlossen« erklärt ebensolcher

Herr, oder »Halbwelt verbeten« ein Akademiker, allerdings unter der

Chiffre »Mulatschak«. Ein Vierziger, der sich nach Kultur und Statur sehnt,

tritt schon etwas aus sich heraus, indem er zwinkernd fragt: »Kleine Osterfahrt?«.

(Offenbar der Verführer aus Terramares Gedicht, der da lächelt:

»Seid'ne Ruh und süßer Wein.«) Sehr schwer zu behandeln dürfte ein Altersgenosse

sein, der von vornherein darauf aufmerksam macht, daß er »äußerst

pedantischer Wesensart« ist, und unter »Anständig 7« zu seinem Ziel gelangen

will. Einer rühmt von sich, er sei mittelgroß und freidenkend, und macht

sich damit übertriebene Hoffnungen, während ein mehr Besonnener einer Anpassungsfähigen

unter der Chiffre »Vederemo« winkt (»Man wird doch da

sehn«). Der Betrieb ist unerhört kompliziert, denn eine schmiegsame Frauennatur

soll nur erstklassigst sein, eine Amazone energisch, eine Eintänzerin unbedingt

groß, eine Nichtalltägliche will, daß einer »kein absoluter Verstandesmensch«

sei — was im Kreise der Intelligenz doch fast ein Ding der Unmöglichkeit

ist —, und zwei große schlanke Jüdinnen,suchen Tennispartner »für

sofort«. Direkt aufsehenerregend aber ist es, wenn dafür wieder jene Dame,

welche Samstag von zwei Herren bis ins Opernkino »verfolgt« wurde, um ein

Wiedersehen gebeten wird. Das grenzt schon an Listenwahl! Aber das Organ

64

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine