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der Intelligenz, das seinen Lesern keinen Zwang auferlegen will, bleibt seinem

Programm doch viel treuer mit einer Parole wie dieser:

Und da sie allen Interessen dient, so interveniert die 'Wiener Allgemeine Zeitung'

natürlich auch dort, wo das Wahlrecht noch nicht einmal erobert wurde,

und offeriert »eine bildschöne, 16 jährige Offizierswaise« unter »Unschuld«.

Während sich dies und alles andere begibt, arbeitet eine schon routinierte

Masseuse ununterbrochen, alles Leben und Treiben begleitend wie die Liliencron'sche

Schwalbe, die weglang auf und niederjagt, Dieser junge Gentleman

—Masseur dagegen, der heute bis 8 Uhr und zwar in und außer Haus bedient,

während er gleich darunter versichert, daß er heute bis 9 Uhr bediene, stiftet

Verwirrung. in welchem Grade aber Wien bereits Fremdenstadt geworden ist,

ja ein Zentrum raffinierter Sinnenkultur, beweist der Plan eines »Neger—

Masseurs«, akademisch gebildet, derzeit Paris, der sich in Wien selbständig

machen will und zu diesem Behufe vornehme Klientel unter »Othello« sucht.

Erotischer Gipfel in einer Landschaft, in der allabendlich die intelligenten, unabhängigen

Damen und die feschen, vollwertigen Intelligenzler lustwandeln,

denn intelligent sind sie alle, denen das Organ der Intelligenz hinten dies und

vorn etwas anderes sagt.

All dies spielt sich täglich mit einer sympathischen Offenheit ab, die der

'Allgemeinen Zeitung' tatsächlich die geistige Elite dieses Landes gewonnen

hat, zum Beispiel mich, der sicherlich weit entfernt von dem Verdacht lebt,

den Vertretern welcher Spezialität immer, die da publizistisch versorgt wird,

ihre Freude zu mißgönnen; von den paar Fällen abgesehn, wo das Inserat als

die Keimzelle der Chantage oder des Zuhältertums erkennbar wird. Wahrscheinlich

sind es gemeinnützigere Menschen als die Politiker, von denen

vorn die Rede ist, und sicherlich ist die Rubrik, die solchen Reigen täglich mit

so herziger Unbefangenheit vorführt, der am besten geschriebene, mit verständlicheren

Adjektiven ausgestattete Teil des Organs der Intelligenz. Daß

eine Publizistik an der Forderung und Vermittlung lebenswichtiger Angelegenheiten

Geld verdient, wäre auch noch nicht der Übel größtes. Dieses ist

aber die Heuchelei einer Gesellschaft, die es noch immer erlaubt, daß eine

kleine Kupplerin für die Dienste, die sie ihr erweist, bestraft wird und daß die

Zeitung, wenn in einem Pensionszimmer sich ein Teil von dem abgespielt hat,

was sie täglich propagiert, das dreimal vertagte Hochgericht eines Bezirksrichters

zur Sensation macht. Es ist, solange ein elendes Sexualgesetz besteht,

das die Verfolgung der Vermittlerin eines straffreien Liebesverkehrs

vorsieht, eine der aufreizendsten kriminalistischen Unterlassungen, den Gewinn

der Preßkuppelei für legitim zu erklären, ganz abgesehen davon, daß

durch diese und nur durch diese auch ein bestehendes Gesetz gegen die öffentliche

Unsittlichkeit übertreten wird. Eine andere Frage ist die nach der

Kompatibilität der Wahlpropaganda mit der Kuppelei. Wenngleich der Mann,

der im Vordertrakt die geistige Elite anzusprechen hat, ein Verwandter des lebenslustigen

Altbundeskanzlers Renner sein soll, so ist doch gerade von der

offiziellen Sozialdemokratie keine Lockerung der moralischen und gesetzlichen

Fesseln des Sexuallebens zu erwarten. (Wenn man etwa an jene polizeiterminologische

Begutachtung des Leumunds einer Mutter durch den Profes-

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