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KEINEN SEUFZER, WENN ICH BITTEN DARF!

Daß also der Herr Werfel seine liebe Not mit mir hat und seinen Drang,

sich mit mir »auseinanderzusetzen«, ist bekannt und begreiflich, und wenn

ich die Schar der an mir Leidenden, wenn ich den Reichtum dieser Formen

von Haßliebe — mit den unbestimmbaren Grenzfällen zwischen Krankheit und

Schmutz überblicke, so stellt er schließlich noch den saubersten und gesündesten

Fall dar. Gewiß ist es nicht unbedenklich, daß ein Dichter in gesetztem

Alter, der die Unsterblichkeit schon so gut wie sicher hat, noch immer nicht

Ruh gibt und mich immer wieder für die unerledigten Rückstände seiner Pubeszenz

verantwortlich macht, und angenehm ist mir der Zustand keineswegs.

Das geht so seit dem Tag von Damaskus, wo ich die räumliche Auseinandersetzung

vollzog und ihm bedeutete, es würde ihm schwer werden, wider

den Stachel zu löcken. Aber gerade darum muß er. Es fiel ihm wie Schuppen

von meinen Augen; nur daß er vorher drei Tage nicht gegessen hatte, glaube

ich nicht, eher daß er nachher Speise zu sich nahm und sich stärkte. Die Erleichterung

erfolgt regelmäßig durch eine Produktion, die in alle stofflichen

Formen und Fernen das Erlebnis mit mir projiziert, und nur mit dem tantiemenreichen

Schicksal des Kaisers Max von Mexiko soll ich unverbunden geblieben

sein. Nun wollte er auch die Gelegenheit, sich als Paulus unter den

Pragern vorzustellen, nicht vorübergehen lassen, ohne mir die undankbare

Rolle zuzuweisen, die ich nun einmal in seinem Leben zu spielen habe. Diese

Rolle ist die des »Rabbi Beschwörer«, während er, »der doch im Grunde selber

Paulus ist«, wie Herr Dr. D. J. Bach bekundet, eine weit bessere spielt.

Hören wir aber, was der Exeget in der 'Arbeiter—Zeitung' von den Juden, unter

die Werfel tritt, zu sagen weiß:

Sie zerbrechen an einem starren Glauben, von dem sie nicht einen

Buchstaben zu zerstören wagen. Und doch sehen sie vor sich die

halb abschreckende, halb verächtliche Gestalt des »Rabbi Beschwörers«,

dem Gott nichts anhaben kann, weil er alle hundertfältigen

Vorschriften aufs genaueste befolgt. Oh, dieser »Affe der

Gerechtigkeit« ist stark, gegen alle, die mit ihm glauben; ohnmächtig

gegen den einen Paulus, der den alten Glauben überwunden

hat.

Diese betonte Auffassung einer literarischen Begebenheit ist der Szene entnommen,

in der Herr Werfel wie folgt mit dem Rabbi Beschwörer fertig wird

und in der ich zu aller sonstigen Demütigung von Herrn Treßler dargestellt

werde:

Paulus

Sieh mich an, Beschwörer! So wahr in dir Nichts ist als die Eitelkeit

des Worts, tust du keinen Schritt mehr, sind deine Glieder gebunden,

dein Leben gebannt!

Rabbi Beschwörer

(windet sich und bricht stumm in die Knie)

Paulus

Die Liebe, die auch zu dir gekommen ist, löst dich. Steh auf und

geh von hier!

Rabbi Beschwörer

(schwankt auf, stammelt, wirft die Arme empor und stürzt ab)

Das wird mein Soff sein. Ganz so wird es sich abspielen; wie es sich der kleine

Paulus vorstellt. Von seinem Bann getroffen, von seinem Erbarmen gelöst,

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